Während Regierungen weltweit beginnen, die Abschiebung afghanischer Geflüchteter zu verstärken, warnt IRC: Rückkehrende würden in ein Land gebracht, in dem 40 Prozent der Bevölkerung von Hunger betroffen sind. Vertreibung durch Konflikte und Klimawandel hält an. Frauen und Mädchen sind systemischen Barrieren beim Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Gesundheitsversorgung ausgesetzt.

Afghan*innen sind zunehmend dem Risiko ausgesetzt, aus Aufnahmeländern abgeschoben zu werden, die ihnen nach der Flucht Schutz geboten haben. Unter Druck von EU-Mitgliedstaaten, irreguläre Migration einzudämmen, gehören Afghan*innen zu den Gruppen, die trotz der humanitären Krise in ihr Heimatland zurückgeführt werden. 

Abgeschobene Afghan*innen kehren in ein Land zurück, das weder Sicherheit garantieren noch Ernährung, Gesundheitsversorgung oder Lebensgrundlagen sichern kann. Weitere Rückführungen erhöhen den Druck auf bereits stark belastete Strukturen. Ende 2025 wurden über 22.000 Afghan*innen aufgefordert, die EU zu verlassen.

Die Krise verschärft sich zusätzlich durch grenzüberschreitende Spannungen und den Rückzug internationaler humanitärer Finanzierung. In den vergangenen 12 Monaten sind Millionen Menschen ohne lebenswichtige Unterstützung geblieben. Mindestens 17 Millionen Menschen sind Ernährungsunsicherheit ausgesetzt – darunter rund 5 Millionen auf Hungerniveau im Notstand (IPC-Stufe 4), nur einen Schritt von hungersnotähnlichen Zuständen entfernt.  

Dürrejahre, eskalierende Konflikte sowie schwere Naturkatastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen haben ganze Gemeinden entwurzelt und knappe Ressourcen weiter belastet. Familien sind gezwungen, ihr Land auf der Suche nach Weide- und Ackerflächen zu suchen. Das Gesundheitssystem versagt, und die kritische Infrastruktur kann das Ausmaß des Bedarfs nicht bewältigen.

Lisa Owen, IRC-Landesdirektorin für Afghanistan, kommentiert: „Afghan*innen in ein Land abzuschieben, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung sich nicht selbst ernähren kann, ist keine Migrationspolitik. Es ist eine Entscheidung, die Leben kosten kann. Millionen vor Ort hungern. IRC-Teams berichten aus entlegenen Regionen, dass Familien Mahlzeiten auslassen müssen oder Kinder zur Arbeit schicken, weil sie nicht genug zu essen haben. Das Gesundheitssystem ist überlastet, und die humanitäre Hilfe wird genau jetzt abgebaut, wenn  sie am dringendsten gebraucht wird.

Für afghanische Familien bedeutet die Rückkehr keine Stabilität – Rückkehrende stehen vor extremen Herausforderungen. Besonders betroffen sind Frauen und Mädchen. Sie sind weiterhin Hindernissen beim Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Gesundheitsdiensten konfrontiert. Diese Realitäten sollten der internationalen Gemeinschaft ein klares Signal senden: Jetzt ist der Moment, die Finanzierung zu erhöhen und sich stärker zu engagieren. Es ist nicht die Zeit, sich zurückzuziehen und diese Krise zu ignorieren.“

Daniela Brandt, Politische Referentin für humanitäre Aufnahme bei IRC Deutschland, ergänzt: „Die humanitäre Lage in Afghanistan bleibt unsicher. Dennoch treibt die Bundesregierung Rückführungen voran und setzt sich auf EU-Ebene für deren Ausweitung ein. Erst in der Nacht vom 27. auf den 28. April fand der dritte Abschiebeflug dieser Art statt. 25 Afghanen wurden von Deutschland nach Afghanistan abgeschoben. Damit sendet die Bundesregierung ein fatales Signal – zulasten der Schutzsuchenden.

Als erstes EU-Land, das mit den Taliban zu Abschiebungen verhandelt hat, übernimmt Deutschland eine traurige Vorreiterrolle. Das verunsichert auch jene Afghan*innen, die hier Schutz vor genau diesem Regime gesucht und in Deutschland ein Zuhause gefunden haben.

Der Schutz und die Selbstbestimmung dieser Menschen sowie die Wahrung internationaler Menschenrechte müssen im Mittelpunkt politischer Entscheidungen stehen. Solange sich die humanitäre Lage vor Ort nicht grundlegend und nachweislich verbessert, dürfen Rückführungen nach Afghanistan nicht stattfinden – unabhängig vom Aufenthaltsstatus.”

Unterdessen bleibt Afghanistan laut IRC-Analyse in Italien das wichtigste Herkunftsland für Menschen, die über die Balkanroute nach Europa gelangen. Allein im letzten Jahr unterstützten IRC-Teams fast 900 unbegleitete afghanische Kinder, die in Europa Schutz suchten. Insgesamt waren Afghan*innen im Jahr 2025 die dritthäufigste Herkunftsgruppe bei Asylanträgen in der EU.

„Seit 2021 haben wir fast 30.000 Afghan*innen auf der Flucht über die Balkanroute getroffen – jede vierte Person war ein Kind“, sagt Alessandro Papes, IRC Bereichsleitung in Triest, wo ankommende Menschen in Europa oft erstmals Unterstützung suchen.

Was diese Menschen durchstehen, ist unvorstellbar – auf der Reise und auch nach ihrer Ankunft in Europa. Auf der Flucht vor katastrophalen humanitären Bedingungen in Afghanistan berichten einige, von Schmuggler*innen ausgebeutet worden zu sein. Andere sind Gewalt, Drohungen und Missbrauch ausgesetzt. Selbst nach ihrer Ankunft in Italien bleibt vielen nichts anderes übrig, als unter unmenschlichen Bedingungen im Freien zu schlafen. Kürzlich unterstützten wir einen Jungen beim Zugang zu einer Notunterkunft. Er hatte große Angst, die Nacht draußen zu verbringen.“