Beirut, Libanon, 11. Mai 2026 — Die Zivilbevölkerung in Libanon steht vor einer sich rapide verschärfenden humanitären Krise: Millionen Menschen sind von Vertreibung, wachsender Ernährungsunsicherheit, steigenden Gesundheitsbedarfen und anhaltenden Luftangriffen betroffen – trotz der am 23. April angekündigten Verlängerung der Waffenruhe um drei Wochen.
Expert*innen von International Rescue Committee (IRC) berichten nach ihrer Rückkehr aus Libanon:
Bob Kitchen, IRC-Vizepräsident für Notfalleinsätze, kommentiert: „In Libanon erleben wir eine sich rasant verschärfende humanitäre Krise: Familien werden aus ihren Häusern vertrieben, das Gesundheitssystem steht massiv unter Druck, und Gemeinden können ihre grundlegendsten Bedarfe kaum noch decken.
Mehr als 1 Million Menschen wurden in Libanon vertrieben – fast 20 Prozent der Bevölkerung –, über 126.000 von ihnen leben in überfüllten provisorischen Unterkünften. Wir sehen Menschen, die in Zelten im Freien schlafen, während andere in stark beengten Verhältnissen bei Familien oder Freund*innen unterkommen. Wieder andere greifen ihre Ersparnisse an, um vorübergehend Unterkünfte zu mieten.
Eine Mutter in einer solchen Unterkunft berichtete uns, dass sie Lebensmittel rationieren müsse und ihre Kinder nur eine Mahlzeit pro Tag erhielten. Die Bedarfe übersteigen die verfügbaren Ressourcen – ohne eine schnelle Ausweitung der Hilfe werden viele weitere Menschen ohne dringend benötigte Unterstützung bleiben.“
Kelly Razzouk, IRC-Vizepräsidentin für globale Politik und Advocacy, ergänzt: „Vor Ort trafen wir den 13-jährigen Bassem, der nach der Zerstörung seines Hauses in einer Notunterkunft lebt. Auf die Frage, was er einmal werden möchte, sagte er: ‚Architekt, damit ich mein Haus wieder aufbauen kann.‘ Bassem ist eines von mehr als 360.000 vertriebenen Kindern, die mit Angst und Unsicherheit über ihre Zukunft leben.
Nahezu jede Familie, die wir trafen, berichtete von massiver Angst, Trauer und Depression. Kinder leiden unter Schlafstörungen, während Eltern unter enormem Druck stehen, Sicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig selbst traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Mit der wachsenden Not steigt auch der Bedarf an psychosozialer Unterstützung erheblich – gleichzeitig gehen die Hilfsmittel dafür weiter zurück.
Ohne dringende internationale Unterstützung werden zentrale Programme zur Traumabewältigung, Suizidprävention sowie zum Wiederaufbau von Hoffnung und Stabilität die Menschen nicht erreichen, die am dringendsten darauf angewiesen sind.
Es gibt wirksame Ansätze, um die psychische Gesundheitskrise in Libanon zu adressieren. Doch in einem Moment, in dem eine ganze Generation von Vertreibung, Angst und psychischer Belastung betroffen ist, darf die internationale Gemeinschaft nicht wegsehen. Jetzt braucht es entschlossenes Handeln und politischen Willen, damit Kinder wie Bassem diese Krise nicht allein bewältigen müssen.“