Das besetzte palästinensische Gebiet steht in diesem Jahr auf Platz 2 der Emergency Watchlist. Die verheerende Gewalt verursacht eine humanitäre Notlage, die noch lange nach dem Ende der Kämpfe andauern wird. 

Zum Jahreswechsel gilt Gaza als der gefährlichste Ort für Zivilist*innen weltweit. Die Bewohner*innen erleben die grausamen Folgen des jüngsten Konflikts zwischen Israel und der Hamas, der ohne ausreichende Rücksicht auf internationale Gesetze und Normen ausgetragen wird. Diese Richtlinien wurden geschaffen, um die Zivilbevölkerung selbst unter den schlimmsten Umständen zu schützen.  

Was geschieht in Gaza? 

Die israelischen Streitkräfte begannen mit Luftangriffen und Bodenoperationen, nachdem die Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen am 7. Oktober 2023 einen tödlichen Bodenangriff und Raketenbeschuss auf den Süden Israels gestartet hatten. Dabei wurden 1.200 Menschen getötet und über 200 Geiseln genommen. Seitdem haben die israelischen Operationen in Gaza, vor allem im Norden, schwere Zerstörungen verursacht, zahlreiche Menschen vertrieben und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung über 18.000 Menschen getötet. Diplomatisches Engagement führte Ende November 2023 zu einem vorübergehenden Waffenstillstand und der Freilassung einiger Geiseln, aber die Kämpfe werden wahrscheinlich mindestens bis Anfang 2024 andauern. 

„Die einzige Möglichkeit, die Zivilbevölkerung zu schützen und humanitäre Hilfe in dem erforderlichen Umfang zu leisten, ist ein Ende des Konflikts“ sagt Bob Kitchen, IRC-Vizepräsident für Nothilfe. „Die Notwendigkeit eines Waffenstillstands wird mit jeder Stunde dringender, denn mehr als zwei Millionen Palästinenser*innen erleben eine humanitäre Katastrophe.“ 

Die Notwendigkeit eines Waffenstillstands wird mit jeder Stunde dringender, denn mehr als zwei Millionen Palästinenser*innen erleben eine humanitäre Katastrophe.

People assess the destruction cause by Israeli air strikes in Gaza City on October 7, 2023.
Foto: Majdi Fathi/NurPhoto via Getty Images

Vorhersagen für 2024

Luftangriffe und Kämpfe werden sich weiterhin verheerend auf die Zivilbevölkerung auswirken

In den ersten acht Wochen des Konflikts tötete die israelische Offensive über 18.000 Palästinenser*innen. Über 6.000 davon waren Kinder. 1,9 Millionen Palästinenser*innen, fast 85% der Bevölkerung, sind seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza vertrieben worden. Sie sind gezwungen, in Schulen, Krankenhäusern und UN-Einrichtungen ohne Grundversorgung und sanitäre Anlagen Schutz zu suchen.  

Die siebentägige Waffenruhe trug zu einer vorübergehenden Verbesserung des humanitären Zugangs und des Schutzes der Zivilbevölkerung bei. Seitdem wurde Gaza jedoch wieder in großem Umfang bombardiert, wodurch das Leben von Hunderttausenden Menschen gefährdet wurde.

Die Zahl der Palästinenser*innen, die auf Hilfe angewiesen sind, wird weiter steigen, da die Kämpfe wahrscheinlich bis ins Jahr 2024 andauern werden. Nur ein Ende der Kämpfe wird den Zivilist*innen Sicherheit bieten können.

Palästinenser*innen  umarmend und trauernd abgebildet.
Palästinenser*innen trauern, nachdem acht Familienmitglieder bei israelischen Luftangriffen getötet wurden.
Foto: Mustafa Hassona/Anadolu Agency via Getty Images

Die Menschen werden Schwierigkeiten haben, sich zu erholen und ihr Leben wieder aufzubauen

Schon vor dem 7. Oktober waren 80% der Bevölkerung in Gaza auf humanitäre Hilfe angewiesen. Im Jahr 2024 werden aufgrund der Zerstörung der wichtigsten Infrastrukturen und der weitreichenden Vertreibung fast alle 2,3 Millionen Bewohner*innen Gazas auf humanitäre Hilfe angewiesen sein. 

Berichten zufolge sind etwa 60% der Wohnungen in Gaza beschädigt oder zerstört wurden, wodurch viele Bewohner*innen vor einer langfristigen Vertreibung stehen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Rechte der Palästinenser*innen – von denen viele bereits Geflüchtete sind – in ihr Zuhause zurückkehren zu können. Kindern gehen voraussichtlich wertvolle Bildungsjahre verloren, da Schulen beschädigt und Lehrkräfte getötet oder vertrieben wurden. Gleichzeitig wird eine nachhaltige psychologische Betreuung erforderlich sein, um den hohen mentalen Stress und die Traumata zu bewältigen. 

Palästinenser*innen, die vor israelischen Angriffen fliehen, suchen Schutz in einer UN-Schule in Khan Yunis, Gaza.
Palästinenser*innen fliehen vor israelischen Angriffen und suchen Schutz in einer UN-Schule für palästinensische Geflüchtete in Khan Yunis, Gaza.
Foto: Doaa Albaz/Anadolu via Getty Images

Das Gesundheitssystem in Gaza steht vor dem Zusammenbruch

In ganz Gaza wurden Krankenhäuser und Kliniken beschädigt und zerstört. Bisher werden  345 Vorfälle von Gewalt gegen das Gesundheitswesen in der gesamten palästinensischen Region dokumentiert, wobei die überwiegende Mehrheit allein im Gazastreifen während der ersten sieben Wochen des Konflikts verzeichnet wurde. 

Die Feindseligkeiten und die israelischen Beschränkungen bei der Einfuhr von Treibstoff nach Gaza haben die verbliebenen Krankenhäuser, insbesondere im Norden, funktionsunfähig gemacht. Ohne ein Ende der Kämpfe und anhaltende humanitäre Unterstützung wird es für die Menschen weiterhin äußerst schwierig sein, medizinische Versorgung zu erhalten.

Gleichzeitig verhindern die anhaltenden Grenzschließungen, dass Patient*innen für Behandlungen nach Israel, ins Westjordanland oder nach Ostjerusalem reisen können. Hinzu kommt, dass 95% der Bevölkerung in Gaza keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, weil der Treibstoff für die Entsalzung fehlt. Dies erhöht das Risiko von Krankheiten wie Cholera. 

Zugangsbeschränkungen verschärfen den humanitären Bedarf

Israel hat nach dem 7. Oktober die Hilfslieferungen nach Gaza stark eingeschränkt. Vor dem Krieg erreichten täglich 500 Lastwagen mit Hilfsgütern Gaza. Angesichts des gestiegenen Bedarfs ist ein erheblicher Anstieg der Hilfslieferungen erforderlich. Doch tatsächlich kommt deutlich weniger Hilfe an. 

Die Lieferung von Hilfsgütern wird zusätzlich durch Straßenschäden, Treibstoffmangel sowie Vertreibung und Tod humanitärer Helfer*innen weiter erschwert. Bis Anfang Dezember 2023 wurden 131 Mitarbeiter*innen der Vereinten Nationen getötet. Damit ist Gaza der gefährlichste Ort für Mitarbeitende von Hilfsorganisationen weltweit. Fast alle Hilfskräfte wurden vertrieben. Solange die Kämpfe andauern, werden diese Einschränkungen fortbestehen.

Die Erholung von Gaza nach dem Ende der Kämpfe wird davon abhängen, ob und in welchem Maße Israel seine Politik aufrechterhält, den Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen nach Gaza zu verhindern.

Die eskalierende Gewalt im besetzten Westjordanland wird den Bedarf an humanitärer Hilfe erhöhen

Im Laufe des Jahres 2023 nahmen auch die Spannungen im Westjordanland zu. Seit dem 7. Oktober hat sich die Gewalt zwischen Sicherheitskräften, Siedler*innen und Palästinenser*innen deutlich verschärft. Dies führte zum Tod von mehr als 250 Palästinenser*innen, darunter 67 Kinder, sowie einer fünffachen Zunahme der Vertreibung im Westjordanland. Bewegungseinschränkungen aufgrund neu errichteter Kontrollpunkte und Straßensperren haben auch die Verfügbarkeit lebenswichtiger Güter und Medikamente eingeschränkt sowie den Bildungszugang für Kinder behindert.

A Palestinian girl walks with her father after the Friday prayer in Gaza on August 4, 2023
Ein palästinensisches Mädchen mit ihrem Vater nach dem Freitagsgebet in Gaza am 4. August 2023.
Foto: MOHAMMED ABED/AFP via Getty Images

 Wie hilft IRC?

IRC beobachtet und bewertet die Situation im besetzten palästinensischen Gebiet genau, während wir eine Reaktion auf die aktuelle humanitäre Krise einleiten. Ein IRC-Team ist in Ägypten vor Ort und wir arbeiten mit Partner*innen zusammen, um Hilfsgüter zu liefern sowie maßgeschneiderte und spezialisierte Gesundheitsdienste, Wasser- und Sanitärversorgung, Kinder- und Frauenschutz sowie psychosoziale Maßnahmen für die Millionen von Menschen bereitzustellen, die in Gaza dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Wir werden auch weiterhin nach Möglichkeiten suchen, unser Angebot durch lokale Partner*innen zu erweitern.  

IRC stützt sich bei der Arbeit im besetzten palästinensischen Gebiet auf weltweite Erfahrung und Expertise in der Nothilfe sowie auf unsere langjährige Präsenz in der Region. Im Jahr 2022 unterstützen IRC-Teams in Syrien, Libanon, Jordanien, Irak, Jemen und Libyen rund 6,3 Millionen Menschen.  

Wie kann ich den Menschen in Palästina helfen?

IRC arbeitet mit Partner*innen zusammen, um wichtige Nothilfe für Familien in Gaza und in anderen Konfliktgebieten weltweit zu leisten. Spende jetzt, um unsere wichtige Arbeit zu unterstützen. Wir setzen uns aktiv dafür ein, lebenswichtige Hilfe für Menschen in über 50 Ländern zu leisten, die von Krisen betroffen sind, darunter auch Länder, die auf der Emergency Watchlist 2024 stehen.

Erfahre mehr über die 10 größten Krisen, die die Welt im Jahr 2024 nicht ignorieren kann und lade dir die vollständige Emergency Watchlist 2024 mit den Profilen aller 20 Krisenländer der IRC-Liste herunter.