Khartoum, Sudan, 14. April 2026 — Drei Jahre seit Ausbruch des bewaffneten Konflikt in Sudan warnt International Rescue Committee (IRC): eine vermeidbare Katastrophe eskaliert in eine der größten und am schnellsten wachsenden humanitären Krisen weltweit. Gleichzeitig drohen die Feindseligkeiten im Nahen Osten und die Sperrung wichtiger Seewege und Lufträume die humanitäre Notlage weiter zu verschlechtern. Trotz jahrelanger Warnungen humanitärer Organisationen hat die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft die unerbittliche Gewalt, die massenhaften Vertreibungen, die anhaltende humanitäre Krise und den wirtschaftlichen Zusammenbruch weiter verschärft – mit katastrophalen Folgen für Millionen Menschen in Sudan und in der gesamten Region.
Seit Kriegsbeginn wurden rund 14 Millionen Menschen vertrieben, viele davon mehrfach. Über 4,5 Millionen Sudanes*innen sind über die Grenzen nach Tschad, Ägypten, Südsudan, Libyen, Uganda, Äthiopien und in die Zentralafrikanische Republik geflohen. Innerhalb des Landes sind 29 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. In einigen Gebieten herrschen hungersnotartige Zustände.
Was im April 2023 als Konflikt zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) begann, ist in den vergangenen drei Jahren in anhaltender Gewalt gegen die Zivilbevölkerung eskaliert. Ganze Städte liegen in Trümmern. Die Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen, Wasserversorgungsnetze zerstört und Lebensmittelversorgungsketten unterbrochen. Millionen Menschen sitzen weiterhin in aktiven Konfliktgebieten fest. Sie haben kaum oder gar keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung oder sauberem Wasser. Die anhaltende Zerstörung von Lebensgrundlagen und grundlegenden Versorgungsleistungen verschärft Hunger, Krankheiten und weitere Vertreibungen in erschreckendem Tempo.
David Miliband, IRC-CEO und Präsident, sagt:
„Der Iran-Krieg darf nicht den Blick auf die anhaltende Katastrophe in Sudan verdecken. Nach drei Jahren Krieg ist Sudan nicht nur die weltweit größte humanitäre Krise, sondern auch der bislang deutlichste Beweis für die verheerenden Folgen der „Neuen Welt(un)ordnung” und internationaler Vernachlässigung. Die Diplomatie ist gescheitert und das Völkerrecht wird ungestraft verletzt. Gleichzeitig verschärfen die florierende Kriegswirtschaft sowie die Unterstützung durch regionale Akteure die Gewalt - und all das verursacht unvorstellbares Leid unter der Zivilbevölkerung.”
Trotz der Bemühungen einiger Geber, die humanitäre Finanzierung zu sichern, wurde die humanitäre Hilfe für Sudan drastisch gekürzt – und das in einer Zeit, in der Millionen von Menschen Hunger, Vertreibung und massiver konfliktbedingter sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Angesichts der Auswirkungen des bewaffneten Konflikts in Iran ist das Risiko einer drastischen Verschlechterung der humanitären Lage akut und real. Die internationale Gemeinschaft kann es sich nicht leisten, Sudan als eine weit entfernte Krise zu behandeln - im Gegenteil, die Krise in Sudan offenbart das Versagen unseres kollektiven Handelns.“
Richard Data, IRC-Landesdirektor für Sudan, kommentiert:
„Es reicht. Seit drei Jahren warnen wir, dass Sudan am Rande einer Katastrophe steht, doch unsere Warnungen blieben unbeachtet. Was wir jetzt erleben, ist das vorhersehbare Ergebnis von Untätigkeit in der internationalen Gemeinschaft. Dies ist nicht nur ein Konflikt, sondern der Zusammenbruch eines ganzen Landes und eine Krise, welche die gesamte Region betrifft. Millionen von Familien sind tagtäglicher Gewalt ausgesetzt, hungern und haben keinen Zugang zu den grundlegendsten Versorgungsleistungen. Gleichzeitig stoßen die Nachbar- und Aufnahmeländer an ihre Grenzen.
Es braucht jetzt eine dringende Aufstockung der Finanzmittel und es muss sichergestellt werden, dass Hilfe die notleidende Bevölkerung erreicht. Gleichzeitig braucht es politischen Druck, um die Gewalt und die unerbittlichen Angriffe auf Zivilist*innen zu beenden. Sonst wird diese Krise weiter außer Kontrolle geraten – mit Folgen, die weit über Sudan hinaus zu spüren sein werden.“
Seit Beginn des Krieges breiten sich die Folgen mit alarmierender Geschwindigkeit in der gesamten Region aus. Nachbarländer, die ohnehin schon von hohen Armutsquoten, Ernährungsunsicherheit und Klimakatastrophen betroffen sind und bisher außerordentliche Solidarität bewiesen haben, stoßen selbst an ihre Grenzen. In der gesamten Region übersteigt der Bedarf die Hilfsmaßnahmen bei Weitem. Infolgedessen steigt die Gefahr zunehmender Instabilität.
Allein in Tschad leben mittlerweile über eine Million Vertriebene aus Sudan – viele kommen nach wie vor mit nichts an. In Südsudan treffen Hunderttausende sudanesische Geflüchtete zusammen mit südsudanesischen Rückkehrenden ein, die vor derselben Gewalt fliehen. Das erhöht den Druck auf die ohnehin schon fragilen Versorgungsstrukturen. Gleichzeitig haben die US-Hilfskürzungen die für humanitären Maßnahmen verfügbaren Ressourcen drastisch reduziert. Die ohnehin schon unterfinanzierte humanitäre Hilfe wird noch stärker eingeschränkt – gerade jetzt, wo der Bedarf rapide steigt.
Nun droht sich die Lage auch aufgrund der eskalierenden Spannungen im Nahen Osten und der Sperrung der Straße von Hormus weiter zu verschlechtern. Störungen im See- und Luftverkehr führen bereits jetzt zu Verzögerungen bei humanitären Lieferungen, treiben Kosten in die Höhe und zwingen Hilfsorganisationen dazu, Lieferungen umzuleiten oder auszusetzen. Allein in Dubai strecken derzeit lebenswichtige Arzneimittel von IRC im Wert von über 112.000 Euro fest. Die Lieferung war für die humanitäre Versorgung der Bevölkerung im Sudan vorgesehen und wird dort dringend benötigt. Eine anhaltende Unterbrechung könnte lebenswichtige Hilfslieferungen erheblich einschränken, den Mangel an wichtigen Medikamenten verschärfen und die dringende Hilfe für Millionen Menschen weiter verzögern.
IRC fordert die internationale Gemeinschaft zu sofortigen und nachhaltigen Maßnahmen auf. Dazu gehören eine Aufstockung der humanitären Mittel, die Gewährleistung eines sicheren und ungehinderten Zugangs für Hilfsorganisationen, konkrete Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung sowie dringende diplomatische Bemühungen, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Nach drei Jahren des bewaffneten Konflikts zählt nicht mehr die Zahl der Warnungen, sondern die Zahl der täglich verlorenen Leben.