• Aktuelle IRC-Modellierungen zeigen: In Somalia sind bis zu 2,6 Millionen Menschen unmittelbar von katastrophalen Überschwemmungen bedroht. Ausbleibender Regen könnte zusätzlich 700.000 Menschen in El Salvador in akute Ernährungsunsicherheit stürzen.

  • Vor dem Höhepunkt von El Niño und im Vorfeld der New York Climate Week ruft IRC Geberregierungen dazu auf, Mittel für vorausschauende Hilfe vorrangig in Guatemala, El Salvador, Somalia und Kenia bereitzustellen.

El Niño steuert auf seinen Höhepunkt zu. Gleichzeitig treiben konfliktbedingt gestörte Schifffahrtsrouten die Kosten für Nahrungsmittel, Treibstoff und Düngemittel weiter in die Höhe. Dadurch geraten mehrere zehn Millionen weitere Menschen in den am stärksten von Ernährungsunsicherheit betroffenen Ländern in akuten Hunger. Im Vorfeld der New York Climate Week ruft International Rescue Committee (IRC) Geberregierungen dazu auf, jetzt zu handeln – bevor sich das Zeitfenster für Investitionen in vorausschauende Hilfe schließt. 

IRCs eigene Lieferkette spürt die Folgen bereits deutlich: Frachtkosten steigen, Transportzeiten verlängern sich, lebenswichtige Nahrungsmittel kommen später an.1 Die Straße von Hormus, die Häfen am Schwarzen Meer und die Straße von Bab al-Mandab sind zentrale Transportwege für Düngemittel und Getreide. Stehen diese drei Routen weiter unter Druck, verschärft sich die Lage zusätzlich. Dadurch bekommen Landwirt*innen in Ostafrika, Südasien und dem Nahen Osten Dünger nicht rechtzeitig zur Aussaat oder können ihn sich nicht mehr leisten. Das begrenzt Ernteerträge, bevor überhaupt gesät wird. Zusammen mit steigenden Treibstoff- und Transportkosten trifft das auf eine ohnehin fragile Versorgungslage. El Niño allein könnte laut Schätzung des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) bis Ende 2027 weitere 49 Millionen Menschen in akute Ernährungsunsicherheit stürzen. Die weltweite Gesamtzahl stiege damit auf 274 Millionen Menschen in 45 Ländern. Gleichzeitig sind die Mittel für humanitäre Ernährungshilfe seit 2022 um fast 60 Prozent gesunken. 

„Mit jeder Minute, die wir mit Investitionen warten, setzen wir mehr Menschenleben aufs Spiel", sagt Bob Kitchen, IRC-Vizepräsident für Notfalleinsätze. „Nahrungsmittel, Treibstoff und Düngemittel werden immer schwerer und teurer zu transportieren – genau dann, wenn sich die Länder mit den geringsten finanziellen Ressourcen das am wenigsten leisten können. Familien, die bereits den Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, werden weiter in die Armut gedrängt."

In Somalia erhöht El Niño zusammen mit einem neu bestätigten positiven Indischen-Ozean-Dipol – einer natürlich vorkommenden Anomalie der Meeresoberflächentemperatur – das Überschwemmungsrisiko erheblich. Im schlimmsten Fall sind bis zu 2,6 Millionen Menschen betroffen. Das Risiko zeigt sich bereits: Starkregen in Mogadischu hat Teile der Stadt überflutet und ein von IRC unterstütztes Gesundheitszentrum beschädigt. In Honduras, Guatemala und El Salvador drohen wegen ausbleibender Regenfälle rasche Verschlechterungen der Ernährungssicherheit. Allein im Nordosten El Salvadors könnten zusätzlich 700.000 Menschen auf Soforthilfe angewiesen sein. 

Diese Schocks treffen nicht im luftleeren Raum: Wo bereits bewaffnete Konflikte herrschen, verschärfen Klimaschocks und Lieferkettenprobleme die Ernährungskrise direkt. Länder, die von allen drei Krisen gleichzeitig betroffen sind – darunter Sudan und Somalia – tragen das höchste Risiko einer Hungersnot, erhalten dabei aber deutlich weniger Unterstützung. Jemen, DR Kongo, Somalia, Afghanistan und Südsudan erhielten 2025 zusammen 44 Prozent der weltweiten Kürzungen bei der Ernährungssicherheits-Finanzierung – rund 1,7 Milliarden Euro. Genau dort gerieten im selben Jahr sechs Millionen weitere Menschen in akute Ernährungsunsicherheit. Aktuelle Prognosen zeigen zudem eine breite Dürre im südlichen Afrika für Anfang nächsten Jahres. 

„Wer wartet, bis die Katastrophe da ist, hat schon verloren”, sagt Simon Merschroth, Referent für Klima- und Entwicklungsfinanzierung in fragilen Kontexten bei IRC Deutschland. „Vorausschauende Maßnahmen drehen das Prinzip um: Wir handeln, bevor die Krise zuschlägt – mit Bargeldhilfe, sauberem Wasser und Frühwarnung, solange noch Zeit bleibt. Das schützt nicht nur Leben, es sichert auch Existenzen. El Niño und unterbrochene Lieferketten treffen die vulnerabelsten Menschen gleich doppelt. Deshalb brauchen wir jetzt verlässliche, langfristige Finanzierung für vorausschauende Hilfe.”

IRC fordert Geberregierungen auf,

1 Der Frachtpreis für eine Lieferung therapeutischer Milch von Indien nach Nigeria stieg um 21 Prozent, bei medizinischen Gütern im Schnitt um 23 Prozent.

Vorausschauende Hilfe bei IRC

IRCs Modell der vorausschauenden Hilfe setzt schon vor der Katastrophe an: Gefährdete Familien erhalten Bargeldhilfe, noch bevor die Krise eintritt. So können sie Nahrungsmittel und Wasser kaufen und ihre Häuser, Ernten und Tiere schützen.

Vor dem Höhepunkt von El Niño baut IRC die Programmarbeit aus und verbindet lokales Wissen mit wissenschaftlichen Prognosen. Der Ansatz hat sich bereits bewährt: 2025 setzte IRC in der afghanischen Provinz Badghis vor einer drohenden Dürre auf vorausschauende Hilfe. Das Ergebnis: Betroffene nahmen fast dreimal seltener neue Schulden auf oder griffen zu anderen negativen Bewältigungsstrategien.

Trotz der Unsicherheit über die langfristige Finanzierung von Frühwarnsystemen baut IRC die Unterstützung für nationale Frühwarnsysteme weiter aus. Mit zusätzlichen Mitteln könnten IRC und Partnerorganisationen geplante Maßnahmen der vorausschauenden Hilfe schneller ausweiten – und weitere gefährdete Familien in Guatemala und El Salvador vor Dürre sowie in Somalia und Kenia vor Überschwemmungen erreichen.