Fast die Hälfte der Bevölkerung in Afghanistan ist auf humanitäre Hilfe angewiesen – 3,5 Millionen Menschen mehr als im Jahr 2021
Afghanistan steht vor dem sechsten Dürrejahr in Folge; 4,7 Millionen Menschen sind akuter Ernährungsunsicherheit ausgesetzt – nur einen Schritt von einer Hungersnot entfernt
Geberstaaten müssen die drastischen Hilfskürzungen rückgängig machen und neue, flexible, mehrjährige Unterstützung für Ernährungsprogramme sowie Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder in den am stärksten betroffenen Kontexten zusagen
In Deutschland stellen Afghan*innen 2025 und in der ersten Hälfte 2026 mit Abstand die größte Gruppe unter den Asylsuchenden – trotzdem weitet die Bundesregierung Abschiebungen nach Afghanistan aus
Kabul/Berlin, 12. August 2026 — Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban lebt fast die Hälfte der Bevölkerung in humanitärer Not. IRC warnt: Trotz steigendem Bedarf mussten Ernährungsprogramme sowie Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder eingeschränkt werden – wegen drastischer Kürzungen der weltweiten Auslandshilfe. Besonders betroffen sind Gemeinden, in denen es kaum Alternativen gibt.
Afghanistan zählt zu den schwersten und langwierigsten Krisen des 20. und 21. Jahrhunderts, ein Epizentrum der neuen Welt(un)ordnung. Hilfskürzungen, die Klimakrise und die Rückkehr von 3,2 Millionen Afghan*innen aus Iran und Pakistan im Jahr 2025 haben die öffentliche Versorgung an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Für viele Familien gibt es keinen Ausweg mehr.
„Genau in dem Moment, in dem die Hungerkrise in Afghanistan ihren schlimmsten Stand in der Geschichte erreichte, hat die Welt die dafür benötigten Mittel gekürzt“, sagt Bostan Fahim, IRC-Programmdirektor in Afghanistan. „IRC ist seit fast vier Jahrzehnten in Afghanistan tätig – und noch nie waren wir so schlecht ausgestattet, um die Bedarfe zu decken.“
Der UN-Hilfsplan für Afghanistan sieht für 2026 einen Finanzierungsbedarf von 1,48 Milliarden Euro vor – finanziert ist erst ein Viertel. Die Folgen zeigen sich auch in der Arbeit von IRC: Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der erreichten Menschen um rund zwei Drittel.
Auch außerhalb Afghanistans zählen Afghan*innen weltweit zu den größten Flüchtlingsgruppen. Viele sind weiterhin auf dauerhafte Schutzlösungen angewiesen. Ein aktueller IRC-Bericht zeigt anlässlich des 75. Jahrestags der Flüchtlingskonvention konkrete Maßnahmen auf, mit denen Regierungen die Verantwortung für den Flüchtlingsschutz gemeinsam tragen können.
In Deutschland bilden Afghan*innen 2025 und in der ersten Hälfte 2026 mit Abstand die größte Gruppe unter den Asylsuchenden. Die humanitäre Lage in Afghanistan bleibt dabei prekär. Trotzdem führt die Bundesregierung vermehrt Rückführungen durch – die politische Debatte darüber verschärft sich zunehmend.
„Afghan*innen, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben, flohen zum Schutz für ihr Leben und ihre Sicherheit, sowie vor existenzieller Not. Viele haben hier ein neues Leben aufgebaut – sie arbeiten, machen Ausbildungen, gründen Unternehmen und sind integraler Bestandteil unserer Gesellschaft. Trotzdem weitet die Bundesregierung Abschiebungen nach Afghanistan aus, in ein Land voller humanitärer Not und Risiken für Rückkehrende,” sagt Daniela Brandt, Politische Referentin bei IRC Deutschland. „Solange sich die Lage vor Ort nicht grundlegend verbessert, dürfen keine Rückführungen stattfinden – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Deutschland hat sich über Jahrzehnte zum internationalen Flüchtlingsschutz bekannt. Das muss auch künftig Bestand haben."
IRC fordert Deutschland und andere Geberregierungen auf, Auslandshilfen bedarfsgerecht zu vergeben und sich zu neuer, flexibler, mehrjähriger Finanzierung zu verpflichten – für Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder sowie die Versorgung unterernährter Kinder und schwangerer Frauen in den bedürftigsten Regionen.
Seit 2022 leistet IRC Ernährungsprogramme und Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder in Afghanistan und hat ein Netzwerk aufgebaut, das jährlich Zehntausende Menschen erreicht. Diese Fortschritte gehen nun verloren: Die Zahl der von IRC betriebenen Gesundheitseinrichtungen sank von 46 im Jahr 2023 auf heute nur noch 16 – ein Rückgang um fast zwei Drittel, vor allem in Folge der Hilfskürzungen 2025. IRC-Mitarbeitende vor Ort berichten von steigender Nachfrage nach diesen Leistungen, während die Finanzierung fast vollständig wegbricht.
IRC in Afghanistan
IRC ist seit 1988 in Afghanistan aktiv. IRC-Teams arbeiten in zehn Provinzen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Bildung, Trinkwasserversorgung und wirtschaftliche Unterstützung. Im Rahmen des integrierten Gesundheits- und Ernährungsprogramms in Herat und Badghis werden unterernährte Kinder untersucht und behandelt sowie schwangere und stillende Frauen durch stationäre Einrichtungen und mobile Teams unterstützt. Seit Oktober 2025 haben IRC-Teams 450.000 Menschen erreicht.