International Rescue Committee (IRC) veröffentlicht heute die Halbjahresbilanz der IRC-Emergency Watchlist 2026. Der neue Bericht zeigt: Die in der Watchlist 2026 identifizierten Krisen haben sich nicht nur verschlechtert – die Systeme zu ihrer Eindämmung brechen zusammen.

Die IRC-Emergency Watchlist identifiziert jährlich die 20 Länder, in denen sich die humanitäre Lage im kommenden Jahr voraussichtlich am stärksten verschlechtern wird. Bei Veröffentlichung im Dezember 2025 waren 117 Millionen Menschen vertrieben und die Zahl der Konflikte erreichte weltweit ihren höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Seitdem hat sich die Lage weiter zugespitzt. 

Der Iran-Krieg zeigt exemplarisch, wie moderne Krisen heute rasant auf Volkswirtschaften, Lieferketten und humanitäre Hilfe übergreifen – weit über den unmittelbaren Konfliktkontext hinaus. Gleichzeitig wächst die Lücke zwischen den Kosten von Konflikten und den verfügbaren Mitteln, um auf die humanitären Auswirkungen zu reagieren. Die ersten zwei Monate der US-Angriffe auf Iran kosteten schätzungsweise über 21,7 Milliarden Euro – das Fünffache der Kosten, um weltweit alle von akuter Unterernährung betroffenen Kinder zu behandeln.

Der sich in Ostteilen der Demokratischen Republik Kongo ausbreitende Ebola-Ausbruch ist ein weiteres Symptom dieser Neuen Welt(un)ordnung: Eine Virusinfektion, verschärft durch das toxische Zusammenspiel aus Konflikt, Vertreibung und den Folgen von Hilfskürzungen, die die globalen Gesundheitsausgaben auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren haben einbrechen lassen. 

David Miliband, IRC-Präsident und CEO, sagt: „Vor sechs Monaten warnte IRC vor einer ,,Neuen Welt(un)ordnung”. Seitdem hat sich diese Unordnung nicht nur ausgeweitet, sondern beschleunigt. Der Krieg mit Iran. Eine Million vertriebene Menschen in Libanon. Die globale Ernährungskrise spitzt sich zu. Der Ebola-Ausbruch breitet sich aus. Geschwächte Diplomatie und zusammenbrechende Hilfsbudgets. Das sind keine isolierten Krisen – das ist die Neue Welt(un)ordnung in der Praxis: mehr Krisen, weniger Schutz.“

Lena Görgen, IRC Deutschland-Landesvertreterin, ergänzt: „Dass Krisen sich heute unkontrollierbar zu verschärfen scheinen, ist kein Naturgesetz – es sind die Folgen geschwächter Hilfssysteme und politischer Entscheidungen, die Reaktion über Vorbeugung stellen. Deutschland gehört zu den größten Gebern für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit und trägt damit besondere Verantwortung dafür, dass das multilaterale System handlungsfähig bleibt: nicht nur dafür, wie viel investiert wird, sondern ob diese Gelder tatsächlich bei den Menschen ankommen, die sie am dringendsten brauchen. Die Haushaltsverhandlungen 2027 sind die Chance zu zeigen, dass internationales Engagement keine Frage des Ermessen ist, sondern Kern einer Außenpolitik, die Initiative über Reaktion priorisiert.”

 

Fünf Herausforderungen – Wo das Systemversagen droht

  1. Konflikte weiten sich aus: In Libanon haben die erneuten Kampfhandlungen zwischen Israel und Hisbollah mehr als eine Million Menschen vertrieben. In Südsudan wurden allein zwischen Januar und April 2026 über 400.000 Menschen vertrieben – das Land droht, in eine neue Phase seines andauernden Bürgerkriegs zu rutschen. Drohnen – billig, weit verbreitet und kaum reguliert – machen moderne Kriegsführung für Zivilist*innen immer tödlicher: In Sudan gingen zwischen Januar und April 2026 mehr als 80 Prozent aller zivilen Todesopfer auf Drohnenangriffe zurück.
  2. Humanitäre Logistik bricht weg: Blockaden in der Straße von Hormus haben die Betriebskosten von IRC um 50 Prozent erhöht, die Luftfrachtkapazitäten auf wichtigen Routen halbiert und Fracht- sowie Versicherungskosten auf bestimmten Seerouten um bis zu 300 Prozent in die Höhe getrieben. Der humanitäre Knotenpunkt in Dubai wurde schwer beeinträchtigt: Eine Lieferung dringend benötigter Medikamente für Sudan verzögerte sich um zwei Monate.
  3. Eine globale Ernährungskatastrophe verbreitet sich: 363 Millionen Menschen sind 2026 von akutem Hunger bedroht – 45 Millionen mehr als vor dem Krieg mit Iran. Düngemittelpreise sollen um 31 Prozent steigen, Energiepreise um 24 Prozent – der höchste Anstieg seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine. In Sudan sind zwei von fünf Menschen von akuter Hungerkrise (IPC-Stufe 3) bis zur Hungersnot (IPC-Stufe 5) betroffen; fast 200.000 Menschen verhungern täglich. Ab Mitte 2026 wird El Niño die Lage weiter verschärfen.
  4. Wirtschaftliche Schocks treffen fragile Staaten am härtesten: Weitere 18,2 Millionen Menschen könnten infolge des Iran-Kriegs in extreme Armut getrieben werden – so schätzt die UN. Die Hälfte aller von extremer Armut betroffenen Menschen lebt bereits in fragilen und konfliktbetroffenen Staaten, die weder plötzliche Preissteigerungen abfedern noch Schulden begleichen können, ohne die eigene Bevölkerung zu belasten. Weitere Blockaden an Meerenge wie der Straße von Bab el-Mandeb könnten die Lage in ohnehin fragilen Kontexten weiter destabilisieren. 
  5. Hilfskürzungen verstärken Krisen und untergraben die globale Reaktionsfähigkeit: Infolge von Hilfskürzungen hat IRC die Zahl der unterstützten Gesundheitseinrichtungen in der Provinz Ituri – dem Zentrum des Ebola-Ausbruchs – fast halbiert. In Sudan werden Kürzungen bis Juli 2026 zur Schließung von 34 IRC-geförderten Einrichtungen führen und fast eine halbe Million Menschen von der Gesundheitsversorgung abschneiden. Der Anteil der Auslandshilfe (ODA), der fragile und konfliktbetroffene Staaten erreicht, ist von 43 Prozent im Jahr 2013 auf nur noch 25 Prozent im Jahr 2024 gesunken – ein Systemversagen zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

IRC fordert die internationale Gemeinschaft auf: