Amman, Jordanien, 20. April 2026 — Sechs Monate nach der Verkündung des Waffenstillstands in Gaza warnt International Rescue Committee (IRC), dass die humanitäre Krise in Gaza in Vergessenheit gerät. Die internationale Aufmerksamkeit verlagert sich auf andere Regionen im Nahen Osten – obwohl sich die Lage in Gaza in alarmierendem Tempo verschlechtert.
Mehr als zwei Millionen Menschen sind nach wie vor innerhalb von Gaza vertrieben. Die meisten leben in provisorischen Zelten und sind extremen Wetterbedingungen ausgesetzt – Überschwemmungen und Stürmen im Winter sowie hohe Temperaturen im Sommer. Familien müssen ohne die grundlegendsten Hilfsgüter überleben. Zentrale Infrastruktur wie Gesundheitsversorgung, Wasserversorgung und Hilfsmaßnahmen sind weiterhin stark eingeschränkt. Gleichzeitig hält die Gewalt an: Anhaltende Luftangriffe und Militäroperationen bringen die Zivilbevölkerung in Gefahr.
Faten Tarawa, IRC-Managerin für Kinderschutz im besetzten palästinensischen Gebiet, kommentiert:
„Die Krise in Gaza ist noch lange nicht vorbei. Millionen von Zivilist*innen befinden sich in einer anhaltenden, lebensbedrohlichen Notlage. Die Ernährungsunsicherheit ist nach wie vor weit verbreitet und gravierend: Etwa 1,6 Millionen Menschen – rund 77 Prozent der Bevölkerung Gazas – werden voraussichtlich von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein. Trotz ausgeweiteter Lebensmittelhilfe haben Familien Schwierigkeiten, ihren grundlegenden Bedarf zu decken. Gleichzeitig bleiben die Preise unverhältnismäßig hoch, was den Zugang zu Nahrungsmitteln zusätzlich erschwert.
„Das Gesundheitssystem in Gaza ist praktisch zusammengebrochen: 94 Prozent der Krankenhäuser sind zerstört oder beschädigt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza sind derzeit 51 Prozent der lebenswichtigen Medikamente nicht vorrätig. Die Behandlung von Patient*innen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, darunter auch Krebs oder solche mit intensivmedizinischem Bedarf, ist massiv eingeschränkt. Die verbleibenden Krankenhäuser sind überlastet und unterfinanziert.
„Die Zerstörung von Schulen nimmt Kindern die Perspektive auf eine sichere Zukunft. Gleichzeitig führt die anhaltende Gewalt insbesondere bei Kindern zu schweren psychischen Belastungen.“
Jedoch wendet sich die weltweite Aufmerksamkeit anderen Themen zu. Es besteht die reale Gefahr, dass die Finanzmittel zurückgehen und die ohnehin schon eingeschränkten humanitären Hilfsmaßnahmen ins Stocken geraten – gerade in einer Zeit, in der der Bedarf extrem hoch ist.
IRC fordert die internationale Gemeinschaft auf, die humanitäre Notlage in Gaza weiterhin im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit zu behalten. Anhaltendes Engagement, ausreichende Finanzmittel sowie eine rasche und ungehinderte Ausweitung der humanitären Hilfe sind unerlässlich, um weitere Todesopfer zu verhindern. Der Schutz der Zivilbevölkerung, die Sicherheit von Hilfskräften, die Wiederaufnahme medizinischer Evakuierungen sowie ein kontinuierlicher Hilfsfluss müssen dringende globale Priorität bleiben.