• Neun von zehn Rückkehrenden fehlt bei der Ankunft der Zugang zu grundlegender Versorgung wie Wasser und Strom.

  • 71 Prozent leben in beschädigten Unterkünften – mit kaum Unterstützung für Reparatur oder Wiederaufbau.

  • 44 Prozent empfanden die Bedingungen bei der Ankunft als schlechter als erwartet.

  • Nur 18 Prozent gaben an, während der Rückreise selbst angemessene Unterstützung erhalten zu haben

  • Für viele war die Rückkehr keine freie Entscheidung, sondern Folge sich verschlechternder Bedingungen der Vertreibung, schwindenden Rechtsstatus in den Aufnahmeländern und des aktiven Konflikts in Libanon seit Anfang 2026.

Seit dem Sturz der von Assad geführten Regierung im Dezember 2024 sind mehr als 3,5 Millionen Syrer*innen in ihre Heimat zurückgekehrt – eine der größten derzeit stattfindenden Rückkehrbewegungen weltweit. Ein neuer Bericht1 von International Rescue Committee (IRC) zeigt: die humanitären Systeme, die Rückkehrende unterstützen sollen, können nicht Schritt halten. Sie müssen ihr Leben ohne ausreichende Wasser- und Stromversorgung, funktionierende Schulen oder Gesundheitsdienste wieder aufbauen. IRC appelliert: Geberstaaten und die syrische Regierung sollen dem Tempo dieser Rückkehrbewegung mit dringenden Investitionen in Versorgungsleistungen, Unterkünfte, Ausweisdokumente und Existenzgrundlagen begegnen.

Eatizaz Yousif, IRC-Landesdirektorin für Syrien, kommentiert: „Dieser Moment bietet eine historische Chance, die nicht verpasst werden sollte. Nach Jahren der Vertreibung blicken viele Syrer*innen mit neuer Hoffnung auf ihre Heimat. Sie wollen zurückkehren und den Wiederaufbau vorantreiben. Auch wenn weiterhin Herausforderungen bestehen, spiegelt dieses Bestreben eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit und ein starkes Engagement für die Zukunft Syriens wider. 

Jetzt in die Voraussetzungen für eine sichere, freiwillige, würdige und nachhaltige Rückkehr zu investieren, ist mehr als eine humanitäre Notwendigkeit. Es ist eine Chance, die Energie, die Fähigkeiten und die Entschlossenheit von Millionen Syrer*innen zu nutzen, die eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau ihres Landes und bei der Gestaltung einer prosperierenden Zukunft spielen. Diese Chance darf nicht verpasst werden.“

Der IRC-Bericht belegt: Versorgungslücken führen nicht nur dazu, dass Grundbedarfe nicht gedeckt werden, sondern dass sie aktiv die Voraussetzungen für soziale Spannungen schaffen. Wo Ressourcen knapp werden, entsteht Konkurrenz. Die am häufigsten dokumentierte Spannung zwischen den Gemeinden liegt laut IRC-Analyse nicht in identitätsbezogenen Spaltungen, sondern in sichtbaren Ungleichheiten bei der Hilfsgüterverteilung. Die Spannungen sind ressourcenbedingt und nehmen zu.  

„Wir sehen Rückkehrende als unsere Konkurrent*innen – sogar um die Schulplätze unserer Kinder“sagt ein Gemeindemitglied aus Tal Kalakh im ländlichen Homs. ,,Die Beziehungen sind eher physischer als emotionaler Natur geworden. Früher bedeutete Rückkehr Freude und Segen. Heute bedeutet es die Frage: ‚Was haben sie mitgebracht? Werden sie mit uns um die Dieselration konkurrieren?‘“ 

Lena Görgen, IRC Deutschland Landesvertreterin, ergänzt: „Grundlage jeder Entscheidung der Bundesregierung über Rückkehr nach Syrien muss die Lage vor Ort sein – und die Fakten sprechen für sich: Wer zurückkehrt, findet vielerorts weder Wasser noch Strom noch Sicherheit. Diese Realität kommt in der deutschen Debatte zu kurz. 

Über die Beendigung des Schutzstatus im Fall von Rückführungen darf nur eine rechtliche, faktenbasierte Einzelfallprüfung entscheiden, die auch die Bedingungen vor Ort einbezieht – dafür trägt die Bundesregierung die Verantwortung. 

Genauso wenig darf vergessen werden: Fast eine Million Menschen mit syrischen Wurzeln sind in den letzten zehn Jahren zu unseren Nachbar*innen, Kolleg*innen und Mitschüler*innen unserer Kinder geworden. Unbedachte Debattenbeiträge treffen sie nicht abstrakt, sondern in ihrem Alltag – in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft.“ 

IRC fordert die syrische Regierung, internationale Geberstaaten, Aufnahmestaaten sowie Akteur*innen im Bereich humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit auf, fünf dringende Maßnahmen zu ergreifen: 

  1. Investitionen in eine flächendeckende Versorgung: Wasser, Strom, Schulen und Straßen müssen ganzen Gemeinden zugutekommen, nicht nur Rückkehrenden, um die Konkurrenz zu verringern und den sozialen Zusammenhalt zu stärken. 
  2. Parallele Finanzierung humanitärer, entwicklungspolitischer und friedensfördernder Programmarbeit (HDP Nexus): Geber*innen müssen integrierte Programmarbeit unterstützen, die sowohl unmittelbare Bedarfe deckt als auch die Voraussetzungen für langfristige Stabilität schafft. 
  3. Aufrechterhaltung dauerhafter Lösungen, einschließlich Resettlement, für Menschen, die noch nicht sicher zurückkehren können: Aufnahmestaaten müssen auf das Non-Refoulement-Prinzip uneingeschränkt achten. Weder der Rechtsstatus noch der Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen darf eingeschränkt werden – ansonsten könnten echte, freiwillige und informierte Rückkehrentscheidungen untergraben werden. 
  4. Bereitstellung flexibler, mehrjähriger Finanzierung für lokale zivilgesellschaftliche und von Frauen geführte Organisationen: Lokale Organisationen sind für den Wiederaufbau Syriens unverzichtbar, können diese Verantwortung jedoch ohne nachhaltige Investitionen nicht schultern. Vorhersehbare, flexible Finanzierung – anstatt kurzfristiger, projektbezogener Zuschüsse – ist unerlässlich, um lokal geführte Maßnahmen zu stärken und den langfristigen Wiederaufbau zu unterstützen.  
  5. Einrichtung eigener Finanzierungslinien für psychische Gesundheit, psychosoziale Unterstützung, sozialen Zusammenhalt und Friedensförderung:   Diese Bereiche wurden in allen sieben Provinzen durchweg als entscheidende Prioritäten identifiziert. Trotzdem sind sie in den aktuellen Finanzplänen nach wie vor erheblich unterfinanziert.

 

1 Der Bericht basiert auf einer Befragung von 425 Rückkehrer*innen sowie 31 Expert*inneninterviews und 15 Fokusgruppen in sieben syrischen Gouvernoraten, durchgeführt zwischen März und Mai 2026.

 

IRC in Syrien 

IRC ist seit 2012 in Syrien tätig. Die Hilfsmaßnahmen werden direkt und über lokale Partnerorganisationen durchgeführt, mit einem Schwerpunkt auf den Bereichen Gesundheit, Schutz, frühkindliche Entwicklung und wirtschaftlicher Wiederaufbau. IRC ist in ganz Syrien in den Regionen Homs, Idlib, Dar’a, As-Swieda, Aleppo, Damaskus, im ländlichen Hama, in Raqq’a, Hassakeh und Deir ez-Zor im Einsatz. Durch integrierte, gemeindebasierte Ansätze erreichte IRC im Jahr 2025 über 1,1 Millionen Menschen.