Brüssel, Belgien, 19. Juni 2026 — Das Europäische Parlament hat am 17. Juni die Rückführungsverordnung verabschiedet. Nach einem Besuch in einem der von Italien betriebenen Haftzentren in Albanien warnt IRC: Die Nutzung dieser Zentren als Vorbild für die neuen „Rückführungszentren" der EU ist ein gefährlicher Fehler – er droht, bestehende Probleme fortzuschreiben, statt ein faires und humanes Migrationssystem zu schaffen. Die neue Rechtsvorschrift wird den Abbau von Rechten und Schutzmaßnahmen für Migrant*innen in Europa systematisch aushöhlen. Die Verordnung erlaubt es EU-Staaten, Menschen in Länder abzuschieben, in denen ihnen schwere Menschenrechtsverletzungen drohen könnten – und ermöglicht darüber hinaus, Vereinbarungen mit Drittstaaten zu schließen, um auf deren Territorium sogenannte „Rückführungszentren" einzurichten. Diese Einrichtungen fungieren de facto als Abschiebungshaftanstalten und werden im Wesentlichen rechtsfreie Räume sein, in denen die EU nicht garantieren kann, dass die Rechte der Betroffenen gewahrt werden. Den Abschiebungen vorangestellt sind systematische Inhaftierungen von bis zu 30 Monaten – in einigen Fällen auf unbestimmte Zeit – sowie Razzien in Gemeinden.
Letzte Woche besuchte IRC eines der italienischen Offshore-Haftzentren in Gjader, Albanien – das als Vorbild für die geplanten „Rückführungszentren" gilt. Die vorgefundenen Zustände sind äußerst besorgniserregend. Die Einrichtung, die sich auf einem ehemaligen albanischen Militärflugplatz befindet, beherbergte seit ihrer Umfunktionierung als Abschiebehaftanstalt bis letzte Woche etwa 620 Menschen. Die derzeit rund 70 Inhaftierten sind ständiger Überwachung ausgesetzt: Mehr als 150 Polizeibeamte sind in wechselnden Schichten im Einsatz, und Berichten zufolge fliegen Drohnen über die Anlage.
Die Inhaftierten berichteten von weit verbreiteten psychischen Problemen, die nicht angemessen behandelt werden. Den inhaftierten Personen werden bei ihrer Ankunft die Handys abgenommen; der Zugang zu Informationen ist eingeschränkt, Kontakt zu Angehörigen kaum möglich. Ein Mann hatte seit seiner Ankunft nicht mit seinem vierjährigen Sohn sprechen können, da Anrufe nur zu bestimmten Zeiten erlaubt sind.
Flaminia Delle Cese, IRC-Referentin für Rechtsangelegenheiten in Italien, erklärt:
„Was ich letzte Woche gesehen habe, bestätigt unsere Warnungen von Beginn an: Dies ist eine grausame, kostspielige und kontraproduktive Lösung, die den Menschen ihre Würde und ihre grundlegenden Menschenrechte nimmt.
Die Inhaftierung in Albanien hat spürbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen. Es gibt zudem Berichte über Personen mit bereits bestehenden psychischen Erkrankungen, die hier festgehalten werden – ein Haftzentrum ist für sie schlichtweg der falsche Ort.
Die Verlegung von Menschen in geschlossene Einrichtungen außerhalb der EU bestraft Personen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, sich in einem immer komplexer werdenden Migrationssystem zurechtzufinden. Dieses gefährliche Modell ist ein alarmierender Schritt in die falsche Richtung. Es darf niemals zum Vorbild für den Umgang der EU mit Asyl und Migration werden."
Marta Welander, IRC-Advocacyleitung für die EU, fügt hinzu:
„Ein System zu kopieren, das bereits gescheitert ist, ist ein gefährlicher Fehler. In ihrem Bestreben, mehr Abschiebungen zu ermöglichen, haben politischen Entscheidungsträger*innen die Rückführungsverordnung überstürzt verabschiedet – ohne die notwendigen Schutzmaßnahmen zu ergreifen, um unrechtmäßige Inhaftierungen, Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern.
Wir lehnen die Einrichtung und Nutzung der neuen sogenannten „Rückführungszentren" der EU entschieden ab. Es ist höchste Zeit, dass die Staats- und Regierungschef*innen der EU die Warnungen des Menschenrechtskommissars des Europarats, der Zivilgesellschaft, von Rechts- und Menschenrechtsexpert*innen und sogar von Rechtsberater*innen innerhalb der EU-Institutionen ernst nehmen – Warnungen, die immer wieder übergangen wurden.
Die EU muss ihren Fokus auf Investitionen in Aufnahme, Betreuung und Integration lenken. Wer Familien auseinanderreißt und Menschen aus ihrer Heimat entwurzelt, verhindert, dass sie einen positiven Beitrag zu ihren neuen Gemeinschaften leisten – und verschärft ihr Trauma und ihr Leid."