Berlin, 11. Juni 2026 — Neue Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zeigen einen leichten Rückgang der weltweit vertriebenen Menschen im Vergleich zum letzten Jahr — doch die Zahl bleibt mit 118 Millionen auf historischem Höchststand. Diese Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. IRC warnt: Der Rückgang ist kein Fortschritt. Er spiegelt erzwungene Rückkehrungen wider — in Länder, die noch immer von Konflikten und Krisen gezeichnet sind — während Asylsysteme, Resettlement und humanitäre Hilfe gleichzeitig wegbrechen.
Lena Görgen, Landesvertreterin von IRC Deutschland, kommentiert:
„118 Millionen Menschen zur Flucht gezwungen — und die Verantwortung für ihren Schutz ist nicht gerecht oder nachhaltig verteilt, weder bei der Aufnahme noch bei der finanziellen Unterstützung. Diese Zahlen stellen uns eine grundsätzliche Frage: Wie ernst nehmen wir die Verpflichtung zum Schutz noch? Die GEAS-Reform höhlt EU-Schutzstandards aus, die Bundesregierung kürzt die humanitäre Hilfe innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte und streicht Mittel für Integrationskurse und unabhängige Rechtsberatung.
Das ist zur falschen Zeit die falsche Antwort. Deutschland ist eines der größten Geberländer und ein wichtiges Aufnahmeland. Diese Verantwortung verpflichtet: Wir müssen jetzt in die Systeme investieren, die bereits Millionen Menschen Schutz geboten haben — und es weiter können."
David Miliband, President und CEO von IRC, sagt:
„Der erste Rückgang der globalen Vertreibungszahlen seit über einem Jahrzehnt klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Doch die Zahlen spiegeln Elend in historischem Ausmaß wider: Millionen sind zwar zurückgekehrt — aber die wenigsten nach Hause. Kürzungen bei Hilfsgeldern, Resettlement und grundlegenden Schutzsystemen haben Geflüchteten keinen Ausweg gelassen. Rückkehr ohne Ressourcen ist keine Lösung — sie ist Vertreibung im zweiten Anlauf. Die Frage ist, ob die Welt den Willen hat, die Schutzsysteme wieder aufzubauen — oder sie weiter abzutragen."
IRC warnt: Der leichte Rückgang verdeckt den Kollaps der Lösungsansätze
- Rund 14 Millionen Rückkehrende – und fast ebenso viele neu Vertriebene — eine Drehtür, kein Fortschritt.
- Rekordhohe Rückkehrzahlen aufgrund von politischem Druck und anhaltenden Konflikten, nicht wegen Frieden. Millionen kehrten in fragile Staaten zurück: Länder, die noch immer von Gewalt, zusammengebrochener Infrastruktur und Klimakatastrophen geprägt sind. Gleichzeitig ist der Anteil globaler Hilfsgelder für fragile und konfliktbetroffene Staaten von 43 Prozent (2013) auf 25 Prozent (2024) gefallen.
- Allein in die Demokratischen Republik Kongo (DRK) kehrten im vergangenen Jahr 3,6 Millionen vertriebene Menschen zurück — obwohl das Land eine der größten Vertreibungskrisen der Welt bewältigt, einen 15-fachen Anstieg an Asylsuchenden verzeichnet und das Epizentrum eines Ebola-Ausbruchs ist. Rückkehr ohne Ressourcen vertieft den Bedarf und verzögert jede nachhaltige Stabilisierung.
- Resettlement ist auf den niedrigsten Stand seit 2011 gesunken — als es weltweit ein Drittel so viele Geflüchtete gab wie heute. Nur 81.800 Menschen wurden in Drittstaaten aufgenommen, obwohl 2,9 Millionen eine Aufnahmeplatz benötigen.
- Asylverfahren verzögern sich das neunte Jahr in Folge: 9 Millionen Menschen warten länger als die reguläre Verfahrensdauer auf eine Entscheidung über ihre Zukunft.
- Fast die Hälfte aller neuen Binnenvertreibungen 2025 war katastrophenbedingt: In 88 Prozent der von konfliktbedingter Vertreibung betroffenen Länder ereignete sich im selben Jahr auch eine Klimakatastrophe. In 2025 kehrten fast 200.000 Geflüchtete aus Sudan nach Südsudan zurück —obwohl in dem Land über 330.000 Menschen konfliktbedingt neu vertrieben wurden und Überschwemmungen zu mehr als einem Drittel an neuen Vertreibungen führten. Polykrisen treffen Menschen, die bereits einmal geflohen sind, und zwingt sie erneut zur Flucht.
- 70 Prozent der Geflüchteten sind langanhaltend vertrieben — seit mindestens fünf Jahren im Exil, ohne Rückkehrperspektive und ohne Alternativen in Aussicht. Fast alle stammen aus einer Handvoll an Ländern: Afghanistan, die DRK, Myanmar, Südsudan, Sudan, Syrien — allesamt stark von Hilfskürzungen betroffen.
- Rund 70 Prozent der Geflüchteten werden in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen aufgenommen — nicht, wie oft angenommen, in Ländern mit hohem Einkommen, beispielsweise im globalen Norden.
- Rund 60 Prozent der Vertriebenen haben nie eine internationale Grenze überschritten.
IRC fordert die internationale Gemeinschaft und Regierungen auf, Kürzungen bei der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit rückgängig zu machen, den Zugang zu Asyl und die Aufnahme von Geflüchteten zu sichern sowie bestehende Schutzsysteme zu stärken. Der Bedarf erfordert nicht nur humanitäre Nothilfe, sondern langfristiges politisches Engagement, das Menschen hilft, ihr Leben wieder aufzubauen.