Über die Ankunft der Geflüchteten in Ceuta im Sommer 2026 sind viele Mythen im Umlauf – hier findest du die Fakten.
Was geschah im Juli und August 2026?
Ceuta ist – neben Melilla – eine von zwei spanischen Exklaven an der nordafrikanischen Küste: kleine spanische Gebiete auf dem afrikanischen Kontinent, die an Marokko grenzen. Ende Juli 2026 kamen schätzungsweise 72.000 Menschen innerhalb von weniger als 48 Stunden von Marokko nach Ceuta – die größte derartige Grenzüberquerung in der Geschichte des Gebiets. Die meisten überschritten die Grenze zu Fuß oder schwammen durch das Grenzgewässer. Berichten zufolge verloren dabei mindestens 100 Menschen ihr Leben; die genauen Zahlen der Todesopfer variieren je nach Quelle und Meldedatum.
Die meisten Menschen, die Ceuta erreichten, kehrten schnell nach Marokko zurück. Bis zum 4. August hatten schätzungsweise mehr als 70.000 Menschen das Gebiet wieder verlassen. Rund 2.000 Menschen sind noch in der Stadt – etwa 43 Prozent von ihnen unbegleitete Kinder. Auch Menschen aus Ländern, die von bewaffneten Konflikten und humanitären Krisen betroffen sind – etwa Sudan, Somalia und Mali – sind neben Marokaner*innen und Personen anderer Staatsangehörigkeit in Ceuta zurückgeblieben.
Mythos 1: Die jüngsten Entwicklungen in Ceuta beweisen, dass die Migration in der EU „außer Kontrolle“ sei.
Fakt: In Ceuta und Melilla kommt es seit vielen Jahren immer wieder zu Versuchen, die Grenze zu überqueren – darunter ein Vorfall im Mai 2021 mit rund 8.000 Menschen sowie ein tödlich endender Überquerungsversuch am Zaun von Melilla im Jahr 2022. Neu ist diesmal vor allem das Ausmaß.
Wie es zu diesem Vorfall an einer geschlossenen und hoch gesicherten Grenze kommen konnte, ist noch nicht vollständig geklärt. Eine Analyse zeigt jedoch: Eine Grenzüberquerung dieses Ausmaßes wäre ohne eine gewisse Lockerung der Kontrollen auf marokkanischer Seite kaum möglich – normalerweise arbeiten beide Länder eng zusammen. Die marokkanische Regierung bestreitet, die Grenzüberquerungen bewusst geduldet zu haben.
In den sozialen Medien kursierten verzerrte Darstellungen des Vorfalls: Einige rechtsextreme und migrationsfeindliche Gruppen instrumentalisierten ihn – unter anderem, indem sie ihn als „Invasion“ darstellten, um ihre eigenen Narrative zu bestärken.
Tatsächlich gelang es den spanischen Behörden trotz des Ausmaßes, die Situation innerhalb von etwa 24 Stunden nach dem Höhepunkt unter Kontrolle zu bringen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen kehrte innerhalb von Stunden bis Tagen nach Marokko zurück. Der Vorfall und die Schnelligkeit, mit der er unter Kontrolle gebracht wurde, widerlegen vielmehr die rechtsextreme Behauptung, europäische Grenzen seien durchlässig oder leicht zu überwinden.
Mythos 2: Menschen, die nach Ceuta gekommen sind, könnten weiter ins spanische Festland vordringen und problemlos andere europäische Länder erreichen.
Fakt: Es wird davon ausgegangen, dass keine einzige Person von Ceuta aus das spanische Festland oder andere europäische Länder erreicht hat.
Ceuta liegt außerhalb des Schengen-Raums, der EU-Zone mit freiem Personenverkehr. Wer von Ceuta aus auf das spanische Festland gelangen will, muss weiterhin Identitäts- und Dokumentenkontrollen durchlaufen, die während dieser gesamten Episode streng durchgesetzt wurden. Ohne die entsprechenden Dokumente besteht keine Möglichkeit, in den Schengen-Raum zu gelangen.
Zwar hat die italienische Regierung das Schengen-Grenzabkommen mit Spanien ausgesetzt, doch Kritiker – darunter Vertreter der italienischen Opposition – weisen darauf hin, dass dieser Schritt weitgehend symbolischen Charakter hat.
Wer in Ceuta bleibt, um internationalen Schutz zu beantragen, befindet sich nun in einer rechtlichen und praktischen Schwebe, mit eingeschränktem Zugang zu Unterstützung und Informationen, um Schutz zu beantragen.
Mythos 3: Der Vorfall sei durch Spaniens jüngste Regularisierungspolitik verursacht worden.
Fakt: Eine Gruppe von 22 EU-Regierungen hat in einem Schreiben behauptet, das Regularisierungsprogramm der spanischen Regierung sei ein „Pull-Faktor" gewesen, der diesen Vorfall ausgelöst habe. Das Programm zielt darauf ab, Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung im Land einen regulären Status zu gewähren. Derzeit gibt es jedoch keine Belege dafür, dass diese Politik mit diesem konkreten Ereignis in Zusammenhang steht. Das Regularisierungsprogramm galt nur für Personen, die bereits vor Ende 2025 in Spanien lebten; die Antragsfrist endete im Juni 2026. Für Menschen, die nach diesem Datum eingereist sind, gilt es nicht.
Das spanische Außenministerium hat diese Behauptung deutlich zurückgewiesen und erklärt, der Vorfall habe „nichts mit der Regularisierung von Migrant*innen zu tun“. Der Ministerpräsident Pedro Sánchez bezeichnet die Reaktion der EU-Regierungen als „egoistisch, polarisierend und rechtswidrig“.
Die Darstellung irregulärer Migrationsbewegungen als Folge „nachsichtiger“ innenpolitischer Maßnahmen greift zu kurz: Menschen haben in vielen Fällen keinen Zugang zu sicheren und legalen Wegen, um Grenzen zu überqueren und Schutz zu suchen.
Mythos 4: Menschen, die ohne Papiere eine EU-Grenze überqueren, hätten keinen Rechtsanspruch auf Schutz.
Fakt: Asyl zu beantragen ist kein Verbrechen. Nach internationalem Recht sowie EU-Recht gilt das Recht auf Asyl – unabhängig davon, wie jemand in ein Land kommt und woher die Person kommt. In Realität gibt es für Menschen, die Sicherheit suchen, nur sehr wenige legale Wege nach Europa – und diese sind oft schwer bis nahezu unmöglich zu erreichen. Würden die EU und ihre Mitgliedstaaten sichere Wege schaffen, weiterführen und ausbauen, wären die Menschen nicht gezwungen, auf der Suche nach Schutz ihr Leben zu riskieren.