Die Emergency Watchlist von International Rescue Committee (IRC) analysiert jedes Jahr, in welchen Ländern sich humanitäre Krisen im kommenden Jahr voraussichtlich am stärksten verschärfen könnten. Zum dritten Mal in Folge steht Sudan an der Spitze der IRC-Emergency Watchlist. Die Gründe dafür sind der verheerende Bürgerkrieg, massenhafte Vertreibungen, die anhaltende humanitäre Krise und der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes.
Schon vor dem Ausbruch des Konflikts in Sudan im April 2023 befand sich das Land in einer schweren humanitären Krise. 15,8 Millionen Menschen benötigten humanitäre Hilfe. Seit drei Jahren herrscht ein bewaffneter Konflikt, der die Situation drastisch verschlimmert hat, sodass nun rund 14 Millionen Menschen vertrieben und 33,7 Millionen Menschen – zwei Drittel der sudanesischen Bevölkerung – auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Das Ernährungssystem des Landes stößt an seine Grenzen. Millionen von Familien ernähren sich mittlerweile von nur einer Mahlzeit am Tag oder weniger.
Sudan ist Schauplatz der größten und am schnellsten gewachsenen Vertreibungskrise sowie der größten humanitären Krise der Welt – gemessen an der Zahl der Menschen, die humanitäre Hilfe benötigen. Erfahre mehr über die anhaltende Krise in Sudan.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Menschen in Sudan?
Drei Jahre eines anhaltenden Bürgerkriegs haben Sudan schwer erschüttert: Zivilist*innen sind Ziel von Angriffen und erfahren schwere Menschenrechtsverletzungen. Das Gesundheitssystem des Landes ist zusammengebrochen und gleichzeitig bedroht eine schwere Hungerkrise das Leben vieler Menschen. Gewalt und Zugangsbeschränkungen für humanitäre Helfer*innen erschweren die Lieferung lebenswichtiger Hilfsgüter an die am stärksten gefährdeten Menschen.
IRC ruft die internationale Gemeinschaft zu sofortigem und dauerhaftem Handeln auf. Dazu zählt eine Aufstockung der humanitären Mittel, die Gewährleistung sicherer Flucht- und Durchgangswege für Zivilist*innen sowie diplomatischer Druck auf alle Konfliktparteien, um weitere Verluste an Menschenleben zu verhindern und Friedensbemühungen zu unterstützen.
Der Krieg in Sudan geht weiter
Der Konflikt zwischen den Sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) eskalierte am 15. April 2023. Die Zivilbevölkerung trägt die Hauptlast des Konflikts: Konfliktbedingte sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet. Kampfhandlungen richten sich gezielt gegen Zivilist*innen und lebenswichtige Infrastruktur. Auch die Rekrutierung von Kindersoldaten ist keine Seltenheit. Seit Kriegsbeginn wurden mehr als 150.000 Menschen getötet. Immer wieder werden Zivilist*innen wahllos angegriffen. Mit über 30 Millionen Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, ist die Krise in Sudan für 10 Prozent des weltweiten humanitären Bedarfs verantwortlich.
Es gibt keine diplomatischen Lösungen in Sicht. Sowohl SAF als auch RSF haben wenig Interesse daran, eine Einigung zu erzielen – sie und ihre regionalen Verbündeten profitieren weiterhin vom Krieg in Sudan. Große Mengen an Gold fließen aus dem Land, während immer modernere Waffen für die Kriegsführung in das Land gelangen.
Die anhaltende Zerstörung von Lebensgrundlagen und grundlegenden Versorgungsleistungen verschärft Hunger, Krankheiten und weitere Vertreibungen in erschreckendem Tempo.
Sudan: Die weltweit größte und am schnellsten wachsende Vertreibungskrise
Der Krieg in Sudan hat zu massiver Vertreibung geführt – innerhalb des Landes und über die Grenzen hinaus. Seit April 2023 sind rund 14 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 4,5 Millionen Menschen haben das Land verlassen und Schutz in Nachbarländern gesucht.
Nachbarländer wie Tschad und Südsudan haben viele geflüchtete Menschen aus Sudan aufgenommen. Ohne internationale Unterstützung fehlen den Aufnahmeländern die Mittel, um geflüchteten Menschen die dringend benötigte Hilfe bereitzustellen. In der gesamten Region übersteigt der Bedarf die Hilfsmaßnahmen bei Weitem. Nachbarländer, die bisher außerordentliche Solidarität bewiesen haben, stoßen selbst an ihre Grenzen. Infolgedessen steigt die Gefahr zunehmender regionaler Instabilität.
Unterdessen haben US-Hilfskürzungen die Krise in der Region weiter verschärft und Hilfsorganisationen dazu gezwungen, einige grundlegende Hilfsleistungen für sudanesische Geflüchtete einzuschränken – insbesondere in Südsudan.
Die Mehrheit der sudanesischen Vertriebenen, etwa 9 Millionen Menschen, befindet sich nach wie vor im Land. Sie haben kaum Zugang zu sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und lebensnotwendigen Hilfsgütern.
Hungersnot bringt Gemeinschaften in schwere Not
Hungersnotähnliche Bedingungen breiten sich in Sudan aus. Die anhaltende Gewalt behindert die humanitäre Hilfe massiv und verhindert, dass Lebensmittel dorthin gelangen, wo sie am dringendsten benötigt werden. Ein gemeinsamer Bericht von IRC, Aktion gegen den Hunger (ACF), CARE International, Mercy Corps und dem Norwegian Refugee Council (NRC) verdeutlicht, wie der anhaltende Konflikt zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) sowie verbündeten bewaffneten Gruppen einst alltägliche Wege in riskante und oft tödliche Unternehmungen verwandelt haben.
Mehr als die Hälfte der sudanesischen Bevölkerung, 28,9 Millionen Menschen, ist derzeit von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen – darunter über 10 Millionen, die unter schwerem oder extremem Hunger leiden. Die gravierende Nahrungsmittelknappheit macht die Menschen zudem anfälliger für Krankheiten und Infektionen, da ihnen wichtige Nährstoffe fehlen.
In Sudan leben mehr Menschen unter hungersnotähnlichen Bedingungen als im Rest der Welt zusammen.
„Seit drei Jahren warnen wir, dass Sudan am Rande einer Katastrophe steht, doch unsere Warnungen blieben unbeachtet.“, sagt Richard Data, IRC-Landesdirektor für Sudan.
„Es braucht jetzt eine dringende Aufstockung der Finanzmittel und es muss sichergestellt werden, dass Hilfe die notleidende Bevölkerung erreicht. Gleichzeitig braucht es politischen Druck, um die Gewalt und die unerbittlichen Angriffe auf Zivilist*innen zu beenden. Sonst wird diese Krise weiter außer Kontrolle geraten – mit Folgen, die weit über Sudan hinaus zu spüren sein werden.“
Das Gesundheitssystem steht am Rande des Zusammenbruchs
Der Konflikt in Sudan hat die öffentliche Infrastruktur des Landes, einschließlich des Gesundheitssystems, verheerend getroffen. Über 70 Prozent der Krankenhäuser des Landes sind nicht mehr funktionsfähig. Somit wird Millionen Menschen der Zugang zu lebenswichtiger medizinischer Hilfe verwehrt, während Krankheitsausbrüche zunehmen. Durch den stark eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung hat sich in Sudan ein Cholera-Ausbruch ausgebreitet – mit mehr als 120.000 bestätigten Fällen und über 3.000 Todesfällen.
Frauen und Kinder sind besonders gefährdet
Die anhaltende Krise trifft Frauen und Mädchen in Sudan besonders hart. Der Zusammenbruch wichtiger Gesundheitseinrichtungen bringt vor allem Mütter in den Monaten nach der Geburt in Lebensgefahr – eine medizinische Versorgung ist kaum noch erreichbar.
Die Zahl der Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt hat sich innerhalb von zwei Jahren verdreifacht. Berichte über häusliche Gewalt, sexuelle Ausbeutung, Missbrauch und Menschenhandel häufen sich, während Betroffene kaum Zugang zu Schutz und Unterstützung haben. Die wirtschaftliche Not zwingt viele Frauen dazu, sich auf ausbeuterische oder gefährliche Situationen einzulassen.
Berichte aus Darfur über sexualisierte Gewalt sind alarmierend und zeigen das immense Leid, dem Frauen und Kinder in dieser Krise ausgesetzt sind.
Dringende Maßnahmen sind nötig, um diese Gräueltaten zu stoppen und den Betroffenen zu helfen.
Wie hilft IRC in Sudan?
Seit Beginn des Konflikts hat IRC seine humanitären Programme angepasst und aufgestockt, um den gestiegenen humanitären Bedarfen in Sudan gerecht zu werden. Trotz großer Herausforderungen, wie der Schließung von Büros aus Sicherheitsgründen, arbeitet IRC weiterhin daran, betroffene Gemeinden im Land und in den Nachbarstaaten zu unterstützen.
IRC bietet unter anderem folgende Maßnahmen an:
- Wasser-, Sanitär- und Hygienemaßnahmen (WASH): Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen;
- Schutz und Unterstützung: Hilfe für Kinder, Frauen und Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt (GBV);
- Gesundheits- und Ernährungsprogramme: Versorgung über mobile und stationäre Kliniken;
- Wirtschaftliche Unterstützung: Bargeldhilfe für Binnenvertriebene und ihre Aufnahmegemeinschaften.
„Familien flohen mit allem, was sie tragen konnten, gen Süden.Gleichzeitig mussten sich unsere Teams über Bergpässe nach Norden vorkämpfen, um medizinische Versorgung, sauberes Wasser und finanzielle Hilfe bereitzustellen”, berichtet Bob Kitchen, IRC-Vizepräsident für Notfalleinsätze, nach seiner Rückkehr aus Sudan.
Kurz nach dem Ausbruch des Konflikts im April 2023 hat IRC ein Büro in Wad Madani, Al Jazirah im Zentrum des Landes eröffnet, um Gesundheits- und Ernährungsdienste für Binnenvertriebene aus Khartum bereitzustellen. Aus Sicherheitsgründen musste aus Büro geschlossen und das Personal an andere Standorte verlegt werden.
Derzeit ist IRC in den Bundesstaaten Blue Nile, Khartum, Gederaf, River Nile, South Kordofan und White Nile sowie in Port Sudan aktiv. IRC leistet Soforthilfe in zugänglichen Gebieten von Khartum und arbeitet eng mit lokalen Partnerorganisationen zusammen.
Wie hilft IRC sudanesischen Geflüchteten?
Über 4,5 Millionen Menschen haben seit dem Ausbruch des Krieges im April 2023 in den umliegenden Nachbarstaaten Zuflucht gesucht. IRC hat die grundlegende Versorgung zur Unterstützung sudanesischer Geflüchteter ausgeweitet, unter anderem in Tschad, Äthiopien und Südsudan.
Äthiopien
In Äthiopien leistet IRC Soforthilfe und langfristige Unterstützung für Geflüchtete und lokale Gemeinschaften, die von Konflikten und Klimakatastrophen betroffen sind. Dazu gehören Gesundheitsversorgung, Ernährung, Bildung, Schutz für Frauen und Kinder sowie Hilfe beim Aufbau einer Existenzgrundlage. Mit aktiven Programmen in neun Regionen hilft IRC sudanesischen Geflüchteten dabei, ihr Leben wieder aufzubauen.
Tschad
Bereits vor Ausbruch des Krieges in Sudan hatten rund 400.000 sudanesische Geflüchtete in Tschad Zuflucht gesucht. IRC unterstützt seit 2004 sudanesische Geflüchtete im Osten des Landes.
Frauen und Kinder machen mehr als 90 Prozent der Geflüchteten aus, die seit April 2023 nach Tschad geflohen sind.
In Tschad stellt IRC sauberes Trinkwasser bereit und betreibt mobile Kliniken, um die medizinische Versorgung der zahlreichen ankommenden Vertriebenen sicherzustellen. Da weiterhin neue Ankommende die Grenze überqueren, weitet IRC seine Gesundheits-, Ernährungs- und Schutzangebote sowie den Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und psychosozialer Unterstützung aus. Teams werden in Geflüchtetenlager und aufnehmende Gemeinden entsandt, um den wachsenden Bedarf zu decken.
Wie kann ich helfen?
Spende jetzt, um IRC dabei zu unterstützen, lebensnotwendige Hilfe in Sudan und weltweit zu leisten. Wir leisten aktiv lebenswichtige Hilfe für Menschen in über 40 Ländern, die von Krisen betroffen sind, darunter auch Länder, die auf der Emergency Watchlist 2026 stehen.
Erfahre mehr über die zehn größten Krisen, die die Welt 2026 nicht ignorieren kann und informiere dich über die vollständige Emergency Watchlist 2026 von IRC.
Lies den Krisenreport von IRC zu Sudan.
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