Libanon nimmt gemessen an seiner Bevölkerungszahl mehr Geflüchtete auf als jedes andere Land weltweit. Halima und ihre fünf Kinder gehören zu den 1,5 Millionen Syrer*innen, die vor den gewaltsamen Konflikten geflohen sind und in Libanon Schutz suchen. Seit acht Jahren lebt die Familie in einem Zelt in einer informellen Siedlung. In Libanon sind sie mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: steigende Lebenshaltungskosten, Diskriminierung, rechtliche Einschränkungen, begrenzter Zugang zu Bildung und unsichere Wohnverhältnisse. Trotz dieser Schwierigkeiten tut Halima alles, um das Zelt für ihre Kinder zu einem Zuhause zu machen und sie auf eine bessere Zukunft in ihrer Heimat Syrien vorzubereiten.

Halima

Halima mit ihrem jüngsten Sohn Hamza
Foto: Iuna Vieira/IRC

Wenn Halima an Zuhause denkt, sieht sie ihr schönes Haus und den Garten im Nordosten Syriens vor sich. Dort studierte sie an der Universität, um Lehrerin zu werden. Doch dann erreichten Konflikte und Gewalt ihr Dorf. Als junge Mutter von zwei kleinen Kindern konnte sie nur noch an eines denken: die Sicherheit ihrer Kinder.

Die Flucht nach Libanon dauerte 15 Tage – eine Strecke, für die man normalerweise nur wenige Stunden braucht. Um Kontrollpunkte zu vermeiden, reisten Halima und ihr Mann nachts. Die meiste Zeit trugen sie ihre beiden Kleinkinder, Alaa und Osama.

„Das Schwerste war, meine Mutter und meine Schwestern zurückzulassen – alle gingen in unterschiedliche Richtungen. Mein Körper ging weiter, aber meine Seele blieb zurück.“

Nach ihrer Ankunft lebte die Familie zunächst bei Verwandten in mehreren Zelten – drei Familien teilten sich einen engen Raum. Erst später konnten sie ein eigenes Zelt errichten. Anfangs hoffte Halima, dass dies nur vorübergehend sei und sie bald zurückkehren würden.

„Ich lebte in einem Haus, und plötzlich lebte ich in einem Zelt. Das fühlte sich nicht wie mein Leben an. Unsere Häuser waren groß, wir konnten mit den Kindern spielen, frei sprechen, bequem schlafen, sogar Pflanzen anbauen. Jetzt stehen die Zelte dicht an dicht, mit so vielen Geflüchteten – es war sehr schwer, sich daran zu gewöhnen.“

Acht Jahre später zieht Halima fünf Kinder groß, die kein anderes Zuhause kennen als das Zelt im Libanon. Ihr Haus und der Garten in Syrien stehen noch. Halima zeigt ihren Kindern Fotos und verspricht, dass sie eines Tages zurückkehren werden.

Halima zeigt ihren Kindern ein Video von ihrem Dorf in Syrien.
Halima zeigt ihren Kindern ein Video von ihrem Dorf in Syrien.
Foto: Iuna Vieira/IRC

Bevor sie fliehen musste, stand Halima kurz davor, Lehrerin zu werden. Heute arbeitet sie in Libanon in einer Fabrik. Ihr Mann verdient seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner auf Baustellen in Beirut und kann die Familie nur einmal im Monat besuchen.

Vor einigen Monaten führte die libanesische Regierung neue Regelungen ein, die vielen syrischen Kindern ohne gültigen Aufenthaltsstatus oder UNHCR-Registrierung den Zugang zu öffentlichen Schulen verwehren. Schätzungen zufolge waren deshalb im Schuljahr 2024/25 rund 42.000 nicht-libanesische Kinder vom öffentlichen Schulsystem ausgeschlossen. Auch Halimas Kinder sind davon betroffen.

Für Halima, die Bildung als Schlüssel für die Zukunft ihrer Kinder sieht, war das ein schwerer Schlag. Nach der Arbeit kaufte sie eine Whiteboard und begann, ihren Kindern im Zelt Französisch, Mathematik und Schreiben beizubringen. Schon bald schlossen sich weitere Kinder aus der Siedlung ihrem Unterricht an.

Halima unterrichtet ihre Kinder Zuhause.

Halima unterrichtet ihre Kinder Zuhause.

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Halima während einer Elternsession mit der IRC-Mitarbeiterin Aya.

Halima während einer Elternsession mit der IRC-Mitarbeiterin Aya.

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Drei von Halimas Kindern wurden geboren, als die Familie bereits im Zelt lebte.

Drei von Halimas Kindern wurden geboren, als die Familie bereits im Zelt lebte.

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„Ich wünsche mir, dass jedes Kind das Recht hat zu lernen und zu einem Menschen heranzuwachsen, der zur Gesellschaft beiträgt, statt von ihr abhängig zu sein.“

Trotz all ihrer Bemühungen bemerkte Halima bei ihrem zweitältesten Sohn Osama besorgniserregende Veränderungen. Er stotterte immer stärker, und andere Kinder aus der Nachbarschaft hänselten ihn deswegen.

Osama

Osama lebt mit seiner Mutter, Halima, und seinen Geschwistern Alaa (13), Mohamed (8), Aya (4), und Hamza (7 months).
Foto: Iuna Vieira/IRC

Osama ist elf Jahre alt und sehr ehrgeizig. Manchmal setzt er sich selbst so unter Druck, dass er zu stottern beginnt. Als andere Kinder ihn deswegen hänselten, zog er sich zunehmend zurück.

Bei einem Hausbesuch von IRC und der lokalen Partnerorganisation SAWA (auf Deutsch: zusammen”) sprach Halima erstmals über ihre Sorgen um Osamas mentale Gesundheit. Von da an erhielt Osama die Unterstützung, die er brauchte.

IRC arbeitet in Libanon mit SAWA zusammen, um Kinder besser zu schützen. Osama nahm an Einzel- und Gruppensitzungen teil. Dort lernte er, mit Mobbing umzugehen, seine Gefühle zu benennen, sich selbst zu schützen und mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Schritt für Schritt öffnete er sich und knüpfte neue Freundschaften.

„Selbstvertrauen bedeutet, einen unsichtbaren Regenschirm aufzuspannen. Wenn jemand gemeine Sachen sagt, prallen sie ab und tun uns nichts. So schützen wir uns und lassen nicht zu, dass andere unser Selbstvertrauen schwächen.“

Halima bemerkte die Veränderung in ihrem Sohn sofort. Um Osama zu unterstützen, nahm sie an Elterntrainings teil. Diese helfen Eltern, ihre Kinder trotz Vertreibung, fehlender Bildung und unsicherer Wohnverhältnisse zu begleiten.

„In unserer Gesellschaft gilt es als beschämend, mit Psycholog*innen zu sprechen. In den Kursen haben wir gelernt, dass das normal ist. Mein ganzes Verhalten hat sich verändert. Früher war ich oft wütend und ließ das an meinen Kindern aus. Jetzt weiß ich, wie ich diese Gefühle anders herauslassen kann. Das hat mein Leben, mein Zuhause und meine Kinder positiv verändert.“

Osam klettert zu Hause auf den Holzbalken, die das Zelt stützen.

Seit sie nicht mehr zur Schule gehen, langweilen sich Osama und seine Geschwister oft zu Hause. Sie denken sich eigene Spiele aus, zum Beispiel beim Klettern auf den Holzbalken, die das Zelt stützen.

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Osama fährt mit einem Fahrrad zwischen den Zelten umher.

Osama leiht sich gern ein Fahrrad von einem Freund und fährt zwischen den Zelten umher.

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Osama mit seinen Freund*innen.

Während der SAWA-Sessions fand Osama viele neue Freund*innen.

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Osama erklärt anderen Kindern an einem Whiteboard, was persönlicher Raum bedeutet.

Heute traut sich Osama sogar, vor anderen Kindern zu sprechen. Hier erklärt er ihnen, was persönlicher Raum bedeutet.

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Osama, umgeben von seinen Freund*innen.

Osama, umgeben von seinen Freund*innen.

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Halima ist stolz auf die Entwicklung ihres Sohnes – von einem schüchternen Jungen, der ausgegrenzt wurde, zu einer starken Persönlichkeit, die andere Kinder positiv beeinflusst. 

„Früher war er schüchtern und still. Heute beteiligt er sich, beantwortet Fragen und spielt mit anderen. Die Sitzungen haben ihm sehr geholfen.“

Doch neben Halima und dem ISAWA-Team spielte noch eine weitere Person eine entscheidende Rolle auf Osamas Weg: seine ältere Schwester Alaa.

Alaa

Alaa zu Hause in einer informellen Zeltsiedlung in Libanon.
Foto: Iuna Vieira/IRC

Alaa ist 13 Jahre alt und das älteste von Halimas fünf Kindern. Wenn ihre Eltern arbeiten, kümmert sie sich um ihre vier jüngeren Geschwister, darunter auch der sechs Monate alte Hamza. Durch die große Verantwortung, die sie trägt, wirkt sie sehr erwachsen und wird von anderen Kindern in der Siedlung oft um Rat gefragt. 

Weil sie länger als ihre Geschwister zur Schule gegangen war, fiel ihr der abrupte Abbruch besonders schwer. Deshalb bat sie ihren Vater um ein Tablet, um alleine durch Videos weiterlernen zu können.

„Ich lade Lern-Apps herunter und lerne Schritt für Schritt. Ich habe mein Arabisch verbessert und lerne Französisch“, sagt sie.

Auch Alaa nahm an Sitzungen von IRC und SAWA teil. Dort lernte sie Strategien, um Stress zu bewältigen und ihre Gefühle zu regulieren. Als ältere Schwester wurde Alaa zur wichtigen Bezugsperson für Osama. Heute leitet sie Workshops, in denen sie ihm und anderen Kindern Atemübungen zeigt.

„SAWA hat uns beigebracht, dass wir bei Wut mit einer Person sprechen sollen, der wir vertrauen, und über unsere Gefühle und Belastungen reden.“

Alaa spricht inzwischen mit einem libanesischen Akzent im Arabischen. Gleichzeitig ist sie das einzige Kind der Familie, das sich noch an das Leben in Syrien erinnert. Ihr größter Wunsch ist es, nach Hause zurückzukehren.

„Ich wünsche mir ein Haus, in dem meine ganze Familie zusammenlebt. Und eine große Küche für mich, mit einer Spüle und allem, was ich brauche, um das beste gefüllte Gemüse zu kochen.“

Alaa unterhält sich mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft.

Alaa unterhält sich mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft. So schön es für die Kinder ist, viele Freund*innen in der Nähe zu haben, fehlt es den Familien in der überfüllten Zeltsiedlung oft an Rückzugsmöglichkeiten.

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Alaa kümmert sich um ihren jüngeren Bruder, Osama.

Während ihre Mutter arbeitet, kümmert sich Alaa um ihre jüngeren Geschwister und versucht, ihnen Zeichnen oder Schreiben beizubringen.
 

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Alaa zeigt während einer Aktivität für Kinder in der Zeltsiedlung eine Atemübung.

Alaa zeigt während einer Aktivität für Kinder in der Zeltsiedlung eine Atemübung.

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Alaa im Gespräch mit der IRC-Schutzbeauftragten Aya.

Alaa im Gespräch mit der IRC-Schutzbeauftragten Aya.

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Hoffnung auf Rückkehr

Wie Alaa sehnt sich ihre gesamte Familie nach einer Zukunft in Syrien. Aber sie stehen vor schwierigen Fragen: Was wird sie dort erwarten und wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Rückkehr? Immer mehr Nachbar*innen aus der Siedlung haben Libanon bereits verlassen.

„Das Gesundheitssystem, die Schulen und die Sicherheitslage sind noch instabil. Ich möchte, dass meine Kinder an einem sicheren Ort leben, gut ausgestattete Schulen besuchen und eine gute Bildung erhalten. Erst wenn das gegeben ist, bringe ich sie zurück und sage ihnen: Das ist euer Zuhause“, erklärt Halima.

Osama erinnert sich kaum an Syrien, fühlt sich aber dennoch eng mit seiner Heimat verbunden.

„Meine Eltern sagen: ,So Gott will, kehren wir nach Syrien zurück, wenn sich die Lage verbessert.‘ Ich liebe Syrien, auch wenn ich mich kaum daran erinnere. ,Das ist dein Zuhause‘, sagen sie. Hoffentlich gibt es bald wieder Schulen – dann können wir vielleicht zurückkehren.“

Während sie warten, hält die Familie zusammen. Seit fast einem Jahrzehnt im Exil unterstützen sie sich gegenseitig und arbeiten jeden Tag daran, ihren Kindern eine würdige Zukunft zu ermöglichen.

Halima und ihre Kinder in ihrem Zelt.
Egal was kommt: Halima hält ihre Familie zusammen und setzt alles daran, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
Foto: Iuna Vieira/IRC

Über das Projekt

Seit April 2021 arbeitet IRC mit Unterstützung des Auswärtigen Amts daran, den Schutz besonders gefährdeter Menschen in Libanon zu stärken. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen in Nordlibanon und in der Bekaa-Ebene unterstützt IRC Menschen in Risikosituationen durch Schutzprogramme, Bargeldhilfe, Rechtsberatung und individuelle Fallbegleitung.

Zusätzlich leistet IRC gemeinsam mit SAWA und der René-Moawad-Stiftung Kinderschutzarbeit für besonders gefährdete Kinder. Darüber hinaus unterstützt IRC drei Gesundheitszentren in Akkar, um den Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung zu verbessern. In Abstimmung mit dem libanesischen Gesundheitsministerium schließen diese Zentren Versorgungslücken in abgelegenen Regionen mit vielen syrischen Geflüchteten und vulnerablen libanesischen Familien. Sie bieten aufeinander abgestimmte Angebote in den
Bereichen Gesundheit, psychosoziale Unterstützung und Ernährung an.