Berlin, 9. Oktober 2026 — Anlässlich der ersten Lesung der Wohngeldreform im Deutschen Bundestag warnt International Rescue Committee (IRC) Deutschland: Die geplanten Kürzungen würden Familien mit niedrigen Einkommen besonders hart treffen, vor allem Alleinerziehende und ihre Kinder. IRC fordert, die Kürzungen in ihrer gemeinsamen Wirkung zu betrachten – Familien dürfen nicht an mehreren Stellen gleichzeitig Unterstützung verlieren.
Mit der geplanten Reform will die Bundesregierung beim Wohngeld deutlich sparen, allein 2027 rund 1,16 Milliarden Euro. Für viele Haushalte bedeutet das weniger Unterstützung: Ab 2029 könnten rund eine Million Haushalte weniger Wohngeld erhalten und weitere 238.000 ihren Anspruch vollständig verlieren. Für viele Familien mit niedrigen Erwerbseinkommen kann Wohngeld zusammen mit dem Kinderzuschlag dazu beitragen, dass das Einkommen für den Lebensunterhalt reicht und Familien nicht auf Grundsicherung angewiesen sind. Das betrifft viele Alleinerziehende, überwiegend Frauen, die allein für ihre Familie sorgen. Auch der Bundesrat kritisiert die Pläne: Er warnt davor, dass Haushalte in die Grundsicherung wechseln müssen und in anderen sozialen Sicherungssystemen Mehrkosten entstehen. Doch die Bundesregierung kürzt nicht nur beim Wohngeld.
„Sozialleistungen sind kein Luxus für gute Zeiten”, sagt Bernard Quante, Referent für Sozial- und Migrationspolitik bei IRC Deutschland. „Gerade für Familien sind sie eine Investition in die Zukunft ihrer Kinder und in die Erwerbschancen der Eltern. Das gilt für alle Familien, die wir begleiten – mit oder ohne Migrationsgeschichte. Schon heute hängen die Bildungs- und Zukunftschancen von Kindern viel zu stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Die Bundesregierung betont selbst, wie wichtig starke Familien, gute Bildung und die Erwerbstätigkeit von Frauen sind. Mit den geplanten Kürzungen riskiert sie jedoch, bestehende Ungleichheiten weiter zu verschärfen. Zudem nehmen viele Menschen Leistungen, auf die sie Anspruch haben, gar nicht in Anspruch – wegen komplizierter Anträge, fehlender Informationen oder Stigmatisierung. Statt Leistungen zu kürzen, sollten wir dafür sorgen, dass sie die Menschen tatsächlich erreichen.“
Auch der monatliche Sofortzuschlag von 25 Euro im Kinderzuschlag soll entfallen. Für Familien mit wenig Geld kann dieser Betrag entscheidend sein – er ermöglicht Kindern, an Schulausflügen teilzunehmen, einem Hobby nachzugehen oder gemeinsam mit Freund*innen etwas zu unternehmen.
Beim Unterhaltsvorschuss soll der Anspruch für 16- und 17-Jährige gestrichen werden, wovon rund 80.000 Jugendliche betroffen wären. Das finanzielle Risiko läge dann stärker beim betreuenden Elternteil, und damit häufig bei Frauen. Auch beim Elterngeld sind Änderungen geplant: Unter anderem sollte die maximale Bezugsdauer von 14 auf zwölf Monate sinken. Bundesfamilienministerin Karin Prien will diese Verkürzung inzwischen noch einmal überprüfen – ein positives Signal.
Im Projekt Aufwind unterstützt IRC Deutschland in Hannover Familien, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen oder bedroht sind, etwa beim Zugang zu Sozialleistungen und im Umgang mit Behörden.
„Wir beraten viele Familien und alleinerziehende Mütter, die arbeiten und trotzdem kaum über die Runden kommen”, sagt Sanay Dogan, Referentin im Projekt Aufwind. „Für sie ist Wohngeld oft eine ganz wichtige Unterstützung. Fällt es weg, bleibt manchen nur die Grundsicherung. Das bedeutet neue Anträge, mehr Nachweise und zusätzliche Behördengänge. Viele scheuen zudem die Stigmatisierung, die damit verbunden ist. Wohngeld dagegen erleichtert Familien den Einstieg in die Arbeit und ermutigt sie, ihren Lebensunterhalt zunehmend mit eigenem Einkommen zu sichern.“
Im Projekt START unterstützt IRC Deutschland Frauen mit Flucht- und Migrationserfahrung beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ein Schwerpunkt liegt darauf, den Zugang zu Kinderbetreuung zu erleichtern und die Zusammenarbeit mit Kitas zu stärken.
„Für viele Frauen ist es schwer, Beruf und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen”, sagt Viktoriya Lott, Referentin im Projekt START. „Oft gibt es erst ab dem 14. Lebensmonat einen Kitaplatz, und die Eingewöhnung dauert auch noch einige Wochen. Endet das Elterngeld nach zwölf Monaten, entsteht eine Lücke, die Familien selbst auffangen müssen. Für Alleinerziehende und Familien mit wenig Geld ist das besonders schwierig. Anders als finanziell besser gestellte Familien können sie Betreuungslücken kaum mit Ersparnissen oder familiärer Unterstützung überbrücken. Statt pauschaler Kürzungen brauchen wir Lösungen, die verschiedene Lebenssituationen berücksichtigen.“