Caracas, Venezuela, 8. Juli 2026 — Nach den beiden Erdbeben in Venezuela kann das überlastete Gesundheitssystem die gestiegenen Bedarfe kaum mehr decken. IRC-Bestandsaufnahmen in den betroffenen Gebieten zeigen: 20 Gesundheitseinrichtungen mangelt es akut an lebenswichtigem medizinischem Material. Nur 1.038 Gesundheitsfachkräfte versorgen insgesamt über 1,7 Millionen Menschen – etwa eine Fachkraft pro 1.700 Einwohner*innen. International Rescue Committee (IRC) warnt vor einem Gesundheitsnotstand.
Schon vor den Erdbeben fehlte es dem venezolanischen Gesundheitssystem an Ausrüstung, Medikamenten und verlässlicher Stromversorgung. Nun reichen die Kapazitäten kaum aus, um sowohl Erste Hilfe für die über 16.000 Verletzten zu leisten als auch die laufende Versorgung vulnerabler Gruppen sicherzustellen.
Rafael Velasquez Garcia, IRC-Einsatzleiter für die Erdbeben in Venezuela, sagt: „Die zweite Phase dieser Krise beginnt gerade erst. Was als verheerende Naturkatastrophe begann, entwickelt sich schnell zu einem Gesundheitsnotstand. Zunehmende Vertreibung, ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem sowie Atemwegs- und wasserübertragene Krankheiten drohen, tausende weitere Menschen in humanitäre Not zu bringen – genau dann, wenn die Kapazitäten zur Reaktion am geringsten sind. Selbst mit anhaltender internationaler Unterstützung wird die Stabilisierung des Gesundheitssystems viele Monate dauern.“
38 Krankenhäuser wurden durch die Erdbeben beschädigt. Das zentrale Überweisungskrankenhaus in La Guaira, der am schwersten betroffenen Stadt, war bereits nach einem Tag überlastet. Trotz eintreffender Hilfe sinken die Ressourcen dort weiter auf ein gefährlich niedriges Niveau. Gleichzeitig berichten mobile Gesundheitsteams von einem starken Anstieg der Nachfrage nach nicht-akuter medizinischer Versorgung und Schwangerschaftsvorsorge. Doch der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist zunehmend erschwert – selbst Menschen, die von den Erdbeben nicht direkt betroffen waren, spüren die Folgen.
IRC-Teams berichten, dass Familien im Laufe des Tages zwischen verschiedenen Parks wechseln, was es erschwert, Patient*innen zu lokalisieren und ihre Versorgung fortzusetzen. Familien, die ihr Zuhause verloren haben, ziehen in städtische Zentren, wo sie schwerer zu erreichen sein werden – ihre Bedarfe bleiben jedoch genauso dringend.
Durch Betonstaub und nicht geborgene sterbliche Überreste hat sich die Luftqualität in den Trümmergebieten stark verschlechtert. Gleichzeitig sind Wasser- und Sanitärsysteme unterbrochen. Das Risiko für eine rasche Ausbreitung von Atemwegs- und wasserübertragenen Krankheiten ist hoch – und wird weiter zunehmen, sobald die akute Rettungsphase endet und die internationale Aufmerksamkeit nachlässt. Während Such- und Rettungsteams ihre Einsätze allmählich zurückfahren, lässt die Krise nicht nach – sie wird lediglich weniger sichtbar.
IRC in Venezuela
IRC setzt sowohl auf stationäre Zentren als auch auf mobile Einheiten, um Menschen dort zu erreichen, wo sie sind. Im Fokus stehen Vertriebene, ältere Menschen, Menschen mit eingeschränkter Mobilität sowie Kinder, die Gesundheitseinrichtungen oft nicht selbstständig erreichen können. Zusätzlich unterstützt IRC die Wiederinbetriebnahme des bakteriologischen Labors am Institut für Tropenmedizin (IMT) der Universidad Central de Venezuela, um dem Anstieg von Atemwegs- und wasserübertragenen Krankheiten entgegenzuwirken. Zudem beschafft und verteilt IRC Hunderte Standard-Hygiene- und Wasseraufbereitungssets.