Beirut, Libanon, 5. März 2026 — Nach militärischen Eskalationen in weiten Teilen des Nahen Ostens haben sich die Feindseligkeiten zwischen Hisbollah und Israel am 1. März dramatisch verschärft. Zehntausende Menschen in Libanon wurden dadurch gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Der Gewaltausbruch markiert die schwerste Verschlechterung der Sicherheitslage seit dem Waffenstillstandsabkommen vom November 2024 und verschärft eine ohnehin gravierende humanitäre Krise. Familien, Gemeinden und Hilfsstrukturen geraten dadurch massiv unter Druck.
Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums wurden seit dem 1. März durch Luftangriffe im Süden von Libanon, im Bekaa-Tal sowie in der Region Beirut-Mount Lebanon mindestens 50 Menschen getötet und mehr als 400 verletzt. Die Gewalt hat weit verbreitete Panik ausgelöst.. Familien verlassen ihre Häuser auf der Suche nach Sicherheit – oft ohne Vorwarnung und mit nur wenigen Habseligkeiten. Evakuierungsanordnungen wurden inzwischen für mehr als 100 Dörfer im Süden des Landes sowie in Teilen des Bekaa-Tals erlassen und lösen weitere großflächige Vertreibungen aus.
Eine Mitarbeiterin von International Rescue Committee (IRC) schildert die erschütternden Momente, als Luftangriffe in der Nähe ihres Familienhauses einschlugen: „Um 2:40 Uhr morgens saßen meine Eltern und ich im Flur unseres Hauses, weit weg von den Fenstern, während um uns herum Luftangriffe einschlugen. Es gab keine Evakuierungsanordnungen – wir wussten nicht, was geschah oder was als Nächstes passieren würde. Innerhalb von Sekunden wurde uns klar, dass wir gehen mussten. Wir griffen unsere Ausweise, Medikamente und ein paar notwendige Dinge und liefen auf die Straße.
Frauen und Kinder schrien, Autos hupten, und alle versuchten gleichzeitig zu fliehen. Eine Strecke, für die man normalerweise zehn Minuten braucht, dauerte zwei Stunden. Mein Vater fuhr in einem Auto, meine Mutter mit mir in einem anderen – wir nahmen unterschiedliche Wege, falls eine Route getroffen würde. Als wir uns schließlich in einem sicheren Gebiet wiedertrafen, waren meine Nichten und meine älteren Eltern völlig verängstigt und erschöpft. Wir sind jetzt in Sicherheit, aber diese Nacht wird uns für immer begleiten.“
IRC warnt, dass die kollektiven Notunterkünfte in Libanon schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Dringende Unterstützung ist notwendig, um zusätzliche sichere Unterkünfte bereitzustellen und vertriebene Familien mit humanitärer Hilfe zu versorgen. Derzeit sind landesweit mehr als 84.000 Menschen in Sammelunterkünften registriert – die Zahl hat sich innerhalb von nur 24 Stunden verdoppelt. Hunderte Schulen und öffentliche Gebäude wurden zu Notunterkünften umfunktioniert. Viele vertriebene Familien kommen bei Verwandten unter, drängen sich in kleinen Wohnungen oder schlafen in Autos am Straßenrand, während sie nach Sicherheit suchen. Unter den neu Vertriebenen befinden sich auch syrische Geflüchtete, die bereits einmal vor Konflikten geflohen waren – und nun erneut fliehen müssen.
Die Bevölkerung in Libanon ist bereits seit Jahren einer schweren Wirtschaftskrise und chronisch unterfinanzierten humanitären Hilfe ausgesetzt. Laut IRC-Analyse vom Dezember 2025 berichteten 81 Prozent der Haushalte, die von Zwangsräumung bedroht waren, dass sie Schulden aufnehmen mussten, um ihre Grundbedarfe zu decken. Die jüngste Eskalation bringt viele Familien – darunter Geflüchtete und Arbeitsmigrant*innen – an ihre Grenze.
Magda Rossmann, IRC-Landesdirektorin für Libanon, sagt: „Trotz der volatilen Sicherheitslage mobilisieren IRC und unsere Partnerorganisationen, um auf die dringenden Bedarfe von vertriebenen und konfliktbetroffenen Familien zu reagieren. Gleichzeitig priorisieren wir die Sicherheit unserer Mitarbeitenden und der Gemeinden. Unsere Partnerorganisationen vor Ort berichten bereits von wachsendem Druck auf öffentliche Dienstleistungen und Aufnahmegemeinden, da sich die Vertreibung weiter ausbreitet. Mietpreise steigen, der Wettbewerb um Einkommensmöglichkeiten nimmt zu. Grundlegende Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Wasser, Strom und Bildung geraten noch stärker unter Druck.“
Die IRC-Hilfsmaßnahmen konzentrieren sich darauf, den Zugang zu grundlegender Dienstleistungen sicherzustellen. Dazu gehören Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung, Bargeldhilfe, Hilfsgüter wie Decken sowie Schutzdienste für besonders gefährdete Gruppen – darunter Kinder und Überlebende von Gewalt. Die humanitäre Hilfe für Libanon ist bereits stark unterfinanziert – der humanitäre Hilfsplan der UN vom letzten Jahr erhielt nur etwa ein Drittel der benötigten Mittel. Umfang und Tempo der Vertreibungen drohen die verfügbaren Ressourcen schnell zu übersteigen. Humanitäre Organisationen brauchen dringend flexible Finanzierung, um die Nothilfe auszuweiten, Gesundheits- und Schutzdienste auszubauen und vertriebene Familien mit Bargeldhilfe und grundlegenden Hilfsgütern zu unterstützen.
Ohne schnelle internationale Unterstützung droht sich die humanitäre Lage in Libanon in den kommenden Tagen und Wochen weiter zu verschlechtern. Der Zugang zu Sicherheit, grundlegenden Dienstleistungen und Nothilfe wird entscheidend sein, um weiteres Leid für Tausende Familien zu verhindern.
IRC fordert eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten und ruft alle Konfliktparteien dazu auf, das humanitäre Völkerrecht zu respektieren und Zivilist*innen sowie zivile Infrastruktur zu schützen.
IRC in Libanon
IRC arbeitet seit 2012 in Libanon und unterstützt sowohl libanesische Staatsangehörige als auch Geflüchtete mit Nothilfe und langfristige Programmarbeit. Dazu gehören Rechtsberatung, Schutzprogramme, Bildungsangebote, Gesundheitsversorgung – einschließlich mentaler sowie sexueller und reproduktiver Gesundheit – sowie wirtschaftliche Unterstützung. Im Jahr 2025 erreichte IRC mehr als 180.000 Menschen im ganzen Land.