Fast einen Monat nach den verheerenden Erdbeben vom 24. Juni schließt sich das Zeitfenster für einen nachhaltigen Wiederaufbau in Venezuela. Ohne sofortige Investitionen in lokale Wirtschaften und Existenzsicherung droht sich die Katastrophe zu einer tieferen humanitären Krise zu entwickeln, warnt International Rescue Committee (IRC). 

Venezuela litt schon vor den Erdbeben unter chronischer wirtschaftlicher Instabilität. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in extremer Armut, und rund acht Millionen Menschen – vor allem junge Erwachsene – wurden zur Ausreise gezwungen. Dadurch fehlen heute dringend benötigte Arbeitskräfte. Das erschwert bereits die Such- und Rettungseinsätze und wird auch die Kapazitäten in der wichtigen frühen Wiederaufbauphase weiter einschränken.

Die wirtschaftliche Lage droht sich weiter zu verschärfen. Eine erste Einschätzung des UN-Büros für Katastrophenvorsorge (UNDRR) beziffert die direkten Schäden an Wohnraum und Infrastruktur auf rund 32 Milliarden Euro. Schon vor den Erdbeben waren fast acht Millionen Menschen in Venezuela auf humanitäre Hilfe angewiesen, innerhalb von nur vier Wochen ist diese Zahl um 1,4 Millionen gestiegen. Die anhaltende Schließung des Flughafens Simón Bolívar International sowie über 1.400 Nachbeben erschweren den Zugang und damit die Ausweitung der Hilfe.

„Neben den zerstörten Gebäuden und den Menschen, die aus den Trümmern gerettet werden, wird eine leisere wirtschaftliche Verwüstung von Tag zu Tag sichtbarer. Wiederaufbaumaßnahmen können nur gelingen, wenn wir jetzt konsequent lokale Wirtschaften wiederbeleben, Kleinunternehmen unterstützen und Schulen wieder öffnen", sagt Rafael Velasquez Garcia, IRC-Einsatzleiter für die Erdbebenhilfe in Venezuela. „Millionen Zukunftschancen stehen auf dem Spiel – jetzt ist der Moment zu handeln. Nichts kann lokale Gemeinschaften davon abhalten, sich gegenseitig aufzurichten, wenn sie die notwendigen Mittel dafür erhalten."

IRC ruft die internationale Gemeinschaft dazu auf, die humanitäre Finanzierung für Venezuela deutlich auszuweiten – für die vom Erdbeben betroffenen Menschen und für die Millionen, die bereits zuvor dringend auf Hilfe angewiesen waren.

IRC in Venezuela

IRC ist seit 2021 in Venezuela aktiv und setzt Programmarbeit in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Schutz, Bildung, Ernährungssicherheit und Existenzsicherung um. Unmittelbar nach den Erdbeben hat IRC die Programmarbeit ausgeweitet und gemeinsam mit acht lokalen Partnerorganisationen zehn neue Programme entwickelt und gestartet. In den kommenden Monaten setzt IRC dieses Engagement fort und stellt lebenswichtige Hilfe sowie Schutz- und Wiederaufbauprogramme bereit, um die venezolanische Bevölkerung beim Wiederaufbau zu unterstützen. Im vergangenen Monat hat IRC hunderte Hygiene- und Wasseraufbereitungskits verteilt, Partnerorganisationen bei der Erstversorgung und medizinischen Grundversorgung von täglich 300 bis 400 Menschen unterstützt und zur Wiederinbetriebnahme des Diagnoselabors der Universidad Central de Caracas beigetragen, das zur Überwachung möglicher Krankheitsausbrüche dient.