„Jeden Tag versammelte ich meine Kinder um mich, ohne ihnen Essen geben zu können – stattdessen nur Tränen und Angst in meinem Herzen.“
Saifuddin, 34 Jahre alt und Vater von vier Kindern, lebt in einem kleinen Dorf im Nordwesten Afghanistans. Schon lange hatte er befürchtet, dass eine weitere Dürre bevorstand. Über Jahre hinweg gingen die Niederschläge zurück. Die Ernten schrumpften – und damit auch die wichtigste Einkommensquelle der Gemeinde. Mit jeder ausgefallenen Erntesaison sahen sich Familien wie die von Saifuddin gezwungen, ihre letzten Besitztümer zu verkaufen, Kinder aus der Schule zu nehmen und darum zu bangen, wie sie sich die nächste Mahlzeit leisten können. Ende 2024 deuteten Wetterdaten auf eine noch schwerere Dürre hin.
IRC beobachtet mithilfe des Follow-the-Forecast-Ansatzes fortlaufend Wetterentwicklungen und die wirtschaftliche Verwundbarkeit von Haushalten in Afghanistan. So können Klimaschocks frühzeitig erkannt und Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden – bevor eine Krise eintrifft. Als 2025 die schlimmste Dürre seit 30 Jahren Afghanistan heimsuchte, war IRC vorbereitet und konnte besonders gefährdete Familien unterstützen.
Das Wetterphänomen La Niña brachte von Oktober 2024 bis April 2025 ungewöhnlich hohe Temperaturen und deutlich weniger Niederschläge – ausgerechnet in der entscheidenden Phase für die Winterernte. Weizen, das Grundnahrungsmittel des Landes und eine zentrale Einkommensquelle, wurde schwer getroffen. Die Dürre droht aktuell zu nahezu vollständigen Ernteausfällen zu führen und damit die wichtigste Quelle für Nahrung und Einkommen zu gefährden.
Gleichzeitig wurden 2025 mehr als 2,5 Millionen Afghan*innen aus Iran und Pakistan zwangsweise zurück nach Afghanistan geführt. Diese massenhafte Rückkehrbewegung überlastete ein ohnehin fragiles Unterstützungssystem und verschärfte die Ernährungsunsicherheit erheblich. Für viele Familien mit geringem Einkommen waren Geldüberweisungen von Angehörigen im Ausland eine wichtige Stütze. Mit dem Wegfall dieser Unterstützung gerieten sie noch tiefer in Not. Der zunehmende Wettbewerb um die wenigen Arbeitsmöglichkeiten im Bauwesen und in der Landwirtschaft ließ die ohnehin niedrigen Tageslöhne weiter sinken und nahm Tausenden die letzte Einkommensquelle.
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Der Zugang zu Wasser wurde für ländliche Gemeinden zunehmend schwieriger. Mit ausbleibendem Regen versiegten Wasserquellen. Manche Familien mussten bis zu 20 Kilometer zurücklegen, um funktionierende Wasserstellen zu erreichen. In vielen Regionen war Wasser so knapp, dass Menschen es mit ihrem Vieh teilen mussten – eine unsichere Praxis, die das Risiko wasserbedingter Krankheiten deutlich erhöht. Mehrere Gemeinden meldeten Cholera-Fälle.
Neben wirtschaftlichen und klimabedingten Schocks trafen Hilfskürzungen der US-Regierung und anderer wichtiger Geber viele Familien hart. Die Unterstützung für Haushalte, die bereits lange vor der Dürre auf Nahrungsmittelhilfe und Unterstützung im Winter angewiesen waren, wurde deutlich reduziert. Während die verfügbaren Mittel schrumpften und Ernten ausblieben, sahen sich Tausende Familien gezwungen, ihren letzten Besitz – darunter auch Nutztiere – zu verkaufen.
Bargeldhilfe für besonders gefährdete Familien
Seit 2024 beobachtet IRC Wetterentwicklungen und die wirtschaftliche Situation in Afghanistan. Als langfristige Prognosen unterdurchschnittliche Niederschläge im Nordwesten signalisierten, bereitete sich IRC auf ein frühzeitiges Eingreifen vor. Im Mai 2025 übertrug IRC seine Erfahrungen aus einem vom Auswärtigen Amt finanzierten Projekt für vorausschauende humanitäre Nothilfe (anticipatory action) in Somalia auf Afghanistan. Als sich abzeichnete, dass die Ernten nicht die dringend benötigten Einnahmen bringen würden, stellte IRC Bargeldhilfe bereit. Diese half Familien, Einkommensverluste abzufedern und akute Bedürfnisse zu decken, bevor sich die Lage weiter verschärfte.
In der Provinz Badghis trafen mehrere Krisen gleichzeitig aufeinander: eine fünfjährige Dürre, Viehkrankheiten, landwirtschaftliche Schädlinge und anhaltende Vertreibung. Die Folge war weitverbreitete Ernährungsunsicherheit. Saifuddin gehörte zu den Betroffenen, die Jahr für Jahr eine Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen erlebten.
Saifuddin leidet unter starken Beinschmerzen, die ihn daran hindern, die wenigen verfügbaren Bau- oder Gelegenheitsarbeiten anzunehmen.
„Meine Behinderung hindert mich am Arbeiten und meine Frau darf aus kulturellen Gründen keiner Arbeit außerhalb des Hauses nachgehen“, sagt er. „Wir haben kein Land, kein Vieh und nichts mehr zu verkaufen.“
Während früherer Dürreperioden musste die Familie fast ihren gesamten Besitz verkaufen. Mit der Zeit überlebten sie nur noch, weil Nachbar*innen das Wenige teilten, das sie hatten. Doch als sich erneut eine schlechte Ernte abzeichnete, wusste Saifuddin, dass auch diese Hilfe bald enden würde. Die gesamte Gemeinde bangt nun ums Überleben.
„Die Dürre hat nicht nur unsere Lebensgrundlage zerstört, sondern auch die Möglichkeit anderer, uns zu helfen.“ Saifuddin sorgte sich unaufhörlich darum, wie er seine Familie schützen könnte. „Es gab Momente, in denen ich über verzweifelte Optionen für meine kleine Tochter nachdachte – aber mein Gewissen als Vater ließ das nicht zu.“
Im Juli 2025 wurde seine Familie in das IRC-Programm für vorausschauende humanitäre Hilfe aufgenommen. Durch mehrere Bargeldzahlungen konnte Saifuddin Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter kaufen, als sie am dringendsten benötigt wurden.
„Zum ersten Mal seit Langem verspürten wir Erleichterung“, sagt Saifuddin. „Es gab uns Hoffnung, als wir fast keine mehr hatten. Ohne diese Hilfe hätte meine Familie nicht überlebt.“
Saifuddins Geschichte zeigt, wie frühzeitige Unterstützung extreme Ernährungsunsicherheit lindern, gefährliche Bewältigungsstrategien wie Zwangsheirat verhindern und Familien vor dem Absturz in eine akute Notlage schützen kann. Für ihn bedeutete diese Hilfe nicht nur emotionale Entlastung, sondern auch neue Stabilität, Würde und Hoffnung für die Zukunft.
Was tut IRC gegen die Auswirkungen der Klimakrise?
IRC arbeitet in Ländern, die besonders stark von der Klimakrise betroffen sind. Steigende Temperaturen, Dürren, Überschwemmungen und zunehmend unvorhersehbare Wetterereignisse bedrohen Leben und Lebensgrundlagen. IRC verbindet Klimaanpassung, Resilienzstärkung und Krisenreaktion. IRC-Teams leisten akute Hilfe und stärken gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von Gemeinden – vorausschauendes Handeln, gemeindebasiertes Wasser- und Ressourcenmanagement sowie Schulungen zu nachhaltigen Einkommensstrategien. Durch diesen Ansatz unterstützt IRC Familien darin, Risiken zu reduzieren und langfristige Resilienz aufzubauen.
In Somalia und Afghanistan stellt IRC vor allem Bargeldhilfe im Rahmen vorausschauender humanitärer Maßnahmen bereit, finanziert durch das Auswärtige Amt. Ziel ist es, Lebensgrundlagen zu schützen, Haushaltseinkommen zu stabilisieren und das Risiko künftiger Nahrungsmittelengpässe zu verringern. In landwirtschaftlich geprägten Regionen erfolgt die Unterstützung in besonders kritischen saisonalen Phasen bereitgestellt, etwa während der Ernte. Dies hilft Familien, ihr Einkommen zu sichern und Verluste durch geringere Produktion und Verkäufe abzufedern.
Seit Oktober 2025 erreichte das Projekt 2.300 Haushalte in Afghanistan und 2.165 in Somalia. Der Anteil der Haushalte mit „akzeptablem Lebensmittelkonsum“ stieg von 30 Prozent zu Projektbeginn auf 74 Prozent. Gleichzeitig verringerte sich der Einsatz negativer Bewältigungsstrategien deutlich: 61,5 Prozent der Haushalte gelten nun als „ernährungssicher“, verglichen mit 21,8 Prozent zu Beginn des Projekts.