Drei Jahre später: Ein Wiedersehen mit geflüchteten Familien in Äthiopien
Wie IRC Familien im Geflüchtetenlager für Binnenvertriebene unterstützt, ihr Leben neu aufzubauen
Wie IRC Familien im Geflüchtetenlager für Binnenvertriebene unterstützt, ihr Leben neu aufzubauen
Vor drei Jahren haben wir die Familien von Iftu und Remedan in einem Geflüchtetenlager für Binnenvertriebene in Deder, Äthiopien, getroffen. Beide Familien lebten mit den Folgen von Vertreibung – und mit den zusätzlichen Herausforderungen einer Behinderung. Damals sorgten sie sich sehr um ihre Kinder und hatten Schwierigkeiten, ihre grundlegendsten Bedarfe zu decken. Heute sind wir zurückgekehrt, um zu sehen, wie sich ihr Leben seither verändert hat.
2023 übernahm Gesundheitsfachkraft Dr. Abdurahman die Zusammenarbeit mit einer lokalen Klinik. Für diese Aufgabe lebte er getrennt von seiner eigenen Familie – kein leichtes Opfer. Doch für ihn war klar: Die Menschen in Deder brauchten dringend Unterstützung.
Drei Jahre später blickt Dr. Abdurahman mit Stolz auf das Erreichte zurück. Gemeinsam mit seinem Team wurde im Lager ein Schutz- und Begegnungszentrum für Frauen und Mädchen aufgebaut, Programme zum Kinderschutz eingerichtet, fließendes Wasser in die Gemeinde gebracht und durch medizinische Versorgung das Leben vieler Familien nachhaltig verbessert.
Für viele Menschen in Deder prägen Vertreibung und Verlust weiterhin den Alltag. Besonders für Menschen mit Behinderungen ist ein Neuanfang ohne soziales Netz enorm schwierig. In der von IRC unterstützten Gesundheitsklinik erleben Dr. Abdurahman und sein Team täglich, wie sich diese Lebensumstände auf die Gesundheit auswirken: Der Zugang zu Versorgung wird erschwert, Isolation nimmt zu und selbst gut behandelbare Erkrankungen können schwerwiegende Folgen haben.
Dr. Abdurahman und sein Team lernten Iftu erstmals kennen, als ihre Tochter Fidiya mit schwerer akuter Mangelernährung in die Klinik gebracht wurde. Iftu selbst war während der Flucht verletzt worden. „Ein kleiner Nagel hat mein Bein verletzt“, erzählt sie. Aufgrund der Vertreibung verzögerte sich die medizinische Behandlung. Als sie schließlich die Gesundheitsklinik in Deder erreichte, blieb dem Team keine andere Wahl, als ihr Bein zu amputieren, um ihr Leben zu retten.
Die Amputation veränderte ihr Leben grundlegend. Ihr Mann verließ sie kurz darauf. Verwandte nahmen ihre beiden älteren Kinder auf, während Iftu mit ihrer jüngsten Tochter Fidiya im Lager blieb. Da sie nicht mehr laufen konnte, war es für Iftu kaum möglich, Geld zu verdienen. Fidiya entwickelte infolgedessen schwere Mangelernährung, sichtbar unter anderem durch Schwellungen im Gesicht.
2023 griff IRC ein: Iftu erhielt Bargeldhilfe, Haushaltsgegenstände sowie medizinische Unterstützung für sich und ihre Tochter. Fidiya wurde mit therapeutischer Spezialnahrung behandelt und engmaschig von Abdurahman und seinem Team begleitet.
Heute besucht Dr. Abdurahman Mutter und Tochter weiterhin regelmäßig und freut sich darüber, wie sehr sich ihr Leben verändert hat. Fidiya ist vollständig genesen: Nur ihre Zähne zeigen noch Spuren der Mangelernährung, die sie als Kleinkind erlebte. Sie hat viele Freund*innen gefunden und verbringt ihre Tage mit Spielen und Lernen. Ihre älteren Geschwister besuchen sie regelmäßig.
Iftu nimmt regelmäßig am Schutz- und Begegnungszentrum für Frauen und Mädchen teil. Dort fand sie Anschluss, lernte andere Frauen kennen und baute sich ein Netzwerk aus Nachbarinnen auf, die sie heute beim Wasserholen und im Alltag unterstützen.
2023 sagte Iftu: „Ich habe kaum Hoffnung, dass dieser Albtraum endet und meine Kinder eine glückliche Zukunft haben.“ Heute erlaubt sie sich wieder zu träumen, besonders für Fidiya: „Wenn sie groß ist, wünsche ich mir, dass sie Ärztin oder Beamtin wird."
Nur wenige Zelte weiter lebt Remedan mit seiner Frau Sartu und ihren drei Kindern Asmaa (12), Gurmesa (10) und Kindesa (5). Als Kind erkrankte Remedan an Polio, wodurch die Entwicklung seiner Beine beeinträchtigt wurde. Trotz der Einschränkungen beim Gehen konnte er in seiner Heimatstadt als Händler gut für seine Familie versorgen. Mit der Vertreibung verlor die Familie jedoch alles.
Im Lager fand Remedan keine Arbeit aufgrund seiner Behinderung. Während seine Frau Sartu lange Tage auf dem Markt arbeitete, um ihre Familie zu versorgen, blieb er zu Hause. Die Sorge, seine Kinder nicht versorgen und ihr Schulgeld nicht bezahlen zu können, ließ Remedan über ihre Zukunft verzweifeln.
Auch seine Familie erhielt ab 2023 Unterstützung von IRC. Sartu nahm an Aktivitäten im Frauenzentrum teil und beide Eltern besuchten Workshops für Eltern, um ihre Kinder nach den traumatischen Erfahrungen der Vertreibung besser begleiten zu können.
Remedan wurde von Dr. Abdurahman und seinem Team medizinisch versorgt betreut und erhielt Krücken, die ihm wieder Selbstständigkeit ermöglichten. Dank der Bargeldhilfe baute er ein kleines Geschäft auf. Heute verkauft er Bodenmatten und Dachabdeckungen verkauft. Mit dem Einkommen kann er seine Kinder zur Schule schicken und in ihre Zukunft investieren.
Eine der größten Herausforderungen für Remedans Familie – und die gesamte Gemeinde – war der fehlende Zugang zu sauberem Wasser. Für Remedan war das Wasserholen aufgrund seiner Behinderung nahezu unmöglich. Da Sartu arbeitete, mussten oft die Kinder lange und teils gefährliche Wege zurücklegen.
„Damals hatte ich Angst, dass meine Kinder beim Wasserholen in Schwierigkeiten geraten“, erinnert sich Remedan. Heute hat sich das geändert: IRC installierte Wasserreservoirs und solarbetriebene Pumpen und versorgt die Gemeinde mit über 13 Wasserstellen. „Heute sind wir glücklich, Wasser hier zu haben. Wir müssen nicht mehr weit gehen. Dieses Wasser bedeutet alles für uns. Ich werde das nie vergessen. Ohne das IRC-Team wäre ich heute nicht hier.“
Der Alltag für Iftus und Remedans Familien bleibt herausfordernd. Doch die Unterstützung aus ihrer Gemeinde und durch IRC-Mitarbeitende gibt ihnen neue Stabilität und Zuversicht – sowie die Chance auf eine bessere Zukunft.
Das IRC-Projekt in Deder und Aba Roba ist Teil des regionalen Afrikaprojekts, das in neun afrikanischen Ländern umgesetzt wird: Äthiopien, Burkina Faso, Burundi, Tschad, Demokratische Republik Kongo, Kenia, Südsudan, Sudan und Tansania.
Allein in Äthiopien erreichte das Projekt fast 50.000 Menschen, viele von ihnen Binnenvertriebene, mit besonderem Fokus auf Frauen und Kinder.
Das Projekt konzentriert sich auf medizinische Versorgung und Schutzangebote für Frauen und Kinder. Bargeldhilfen und Hygiene-Kits unterstützen Familien dabei, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu sichern. Gleichzeitig wird der Zugang zu sauberem und sicherem Trinkwasser ermöglicht, etwa durch Notwasserlieferungen sowie den Bau und die Reparatur von Wasserversorgungssystemen. Gemeinsam tragen diese Maßnahmen dazu bei, dass Familien akute Notlagen bewältigen, ihr Leben neu ordnen und sichere, stabile Perspektiven für ihre Kinder schaffen können.