Berlin, 8. Oktober 2026 — Die Europäische Union registrierte 2024 offiziell mindestens 9.678 Betroffene von Menschenhandel, fast zwei Drittel von ihnen Frauen und Mädchen.¹ Ein neuer Bericht von International Rescue Committee (IRC) Deutschland zeigt: Die beschleunigten Asylverfahren des EU-Migrationspakts drohen genau die Menschen zu übersehen, die am dringendsten Schutz brauchen – Überlebende von Menschenhandel –, obwohl die EU ihre Anti-Menschenhandelsrichtlinie im vergangenen Jahr verschärft hat.
Laut dem neuen Bericht werden Betroffene von sexualisierter Ausbeutung und Menschenhandel häufig nicht identifiziert, weil ihnen Informationen, Sprachmittlung oder Vertrauen in Behörden fehlen. Zudem trennen viele Mitgliedstaaten Migrationskontrolle und Opferschutz noch unzureichend.
„Menschenhandel ist vor allem eine Form geschlechtsspezifischer Gewalt, sagt Vivia Paravicini bei IRC Deutschland. „Es geht nicht nur um wirtschaftliche Ausbeutung, sondern um Machtverhältnisse, Kontrolle und Zwang, die Frauen und Mädchen besonders treffen. Betroffene dürfen nicht in die eine oder andere Kategorie gezwängt werden – ‚Opfer von Menschenhandel' oder ‚Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt'. Oft sind sie beides und brauchen eine Antwort, die beides zusammendenkt.”
Die in dem Report befragten spezialisierten Partnerorganisationen bewerten den seit Juni 2026 EU-weit geltenden Migrationspakt als besonders kritisch. Das größte Risiko für Betroffene liegt aus ihrer Sicht nicht in einzelnen Verfahrensschritten, sondern am Anfang: bei der verpflichtenden Ersteinreise-Prüfung, den Grenzverfahren und der Vulnerabilitätsbewertung. Betroffene offenbaren eine Ausbeutung selten schon beim ersten Kontakt, aus Angst, Scham, anhaltender Kontrolle durch Täter*innen oder mangelndem Vertrauen in Behörden. Indizien wie gefälschte Dokumente, widersprüchliche Aussagen oder fehlende Kooperationsbereitschaft werten Behörden zudem häufig vorschnell als Grund für ein beschleunigtes Verfahren, statt als Anzeichen für Ausbeutung, was eine spezialisierte Prüfung erfordert. Alle befragten Partnerorganisationen fordern deshalb eine größere Rolle für spezialisierte Anti-Menschenhandels-Organisationen bei der Umsetzung des Migrationspakts.
Die Unterstützung für Betroffene bleibt in vielen Mitgliedstaaten außerdem fragmentiert und unzureichend finanziert. Verlässliche Fachangebote gibt es meist nur für Frauen, die sexuell ausgebeutet wurden; die Unterstützung für andere Betroffene, etwa Männer, Kinder oder Opfer von Arbeitsausbeutung, bleibt oft instabil und projektabhängig. Kurzfristige, jährliche Projektförderung erschwert es Fachberatungsstellen zudem, die kontinuierliche Begleitung aufzubauen, die Betroffene beim Wiederaufbau ihres Lebens brauchen.
IRC fordert die EU-Kommission auf:
- die Umsetzung der überarbeiteten Anti-Menschenhandelsrichtlinie in den Mitgliedstaaten engmaschig zu überwachen und fachlich zu begleiten, unter systematischer Einbeziehung spezialisierter NGOs
- spezialisierten Fachorganisationen eine verbindliche Rolle bei Vulnerabilitätsprüfungen im Migrationspakt einzuräumen
- einen formellen EU-weiten Mechanismus für grenzüberschreitende Fallweiterleitung zu schaffen
- mehrjährige Förderstrukturen für spezialisierte Fachberatungsstellen zum Standard zu machen
Von den EU-Mitgliedstaaten fordert IRC:
- den zügigen Aufbau nationaler Verweismechanismen für Opfer/Überlebende von Menschenhandel
- systematischen und uneingeschränkten Zugang für Fachorganisationen zu Aufnahmeeinrichtungen, Abschiebehafteinrichtungen und Grenzstationen sowie
- verpflichtende, praxisnahe Schulungen durch spezialisierte Fachberatungsstellen für alle Fachkräfte mit Kontakt zu Betroffenen
EU-Kommission und Mitgliedstaaten ruft IRC gemeinsam dazu auf, eine klare Firewall zwischen Migrationskontrolle und Opferschutz zu errichten, damit der Zugang zu Schutz nicht länger vom Aufenthaltsstatus oder von der Kooperationsbereitschaft mit Behörden abhängt.
Über den Bericht
Der Bericht ,,Verstärkter Schutz für Betroffene und Überlebende sexualisierter Gewalt im Kontext von Ausbeutung und Menschenhandel” entstand im Rahmen des Projekts REACH, das IRC Deutschland gemeinsam mit vier Fachorganisationen aus Italien, Spanien, Deutschland und Frankreich, sowie dem finnischen Start-up We Encourage umsetzt. Grundlage sind Interviews mit den Partnerorganisationen und eine Befragung von 16 Fachpersonen aus der Praxis. Der vollständige Bericht mit allen Empfehlungen ist hier abrufbar.
¹ Eurostat, ,,Trafficking in human beings statistics", Datenabruf Januar 2026.
Über REACH
Zwischen 2025 und 2027 setzt International Rescue Committee (IRC) Deutschland gemeinsam mit den vier spezialisierten Fachorganisationen, BeFree Società Cooperativa Sociale (Italien), Fundación de Solidaridad Amaranta (Spanien), Verein für internationale Jugendarbeit e.V. (VIJ/FIZ, Deutschland) und Mission d'Intervention et de Sensibilisation contre la Traite des Êtres Humains (MIST, Frankreich), sowie dem finnischen Start-up We Encourage das Projekt REACH (Resilience through Enhanced Access to Comprehensive Help) um. Ziel ist es, den Zugang zu Schutz und Unterstützung für Betroffene sexualisierter Gewalt im Kontext von Ausbeutung und Menschenhandel zu verbessern, mit besonderem Fokus auf geflüchtete und migrierte Frauen. Das Projekt wird im Rahmen des EU-Programms für Bürger*innen, Gleichstellung, Rechte und Werte (CERV), Programmlinie Daphne, gefördert.