70 Prozent aller Menschen in humanitärer Not leben in Ländern, die gleichzeitig von Klimawandel und bewaffneten Konflikten betroffen sind. International Rescue Committee (IRC) hat 17 solcher Länder identifiziert: Sie beheimaten 10,8 Prozent der Weltbevölkerung, stellen aber 44 Prozent der von extremer Armut betroffenen Menschen dar. Auf der offiziellen Agenda der laufenden Klimaverhandlungen in Bonn fehlen diese fragilen Kontexte weitgehend. 

Vom 8. bis 18. Juni 2026 treffen sich Verhandlungsführer*innen aus aller Welt in Bonn zur 64. Sitzung der UNFCCC-Nebenorgane. Im Mittelpunkt steht die Vorbereitung der 31. Weltklimakonferenz (COP31) in Antalya – darunter die konkrete Umsetzung der bei der COP30 in Belém vereinbarten Klimafinanzierungsziele, insbesondere der politischen Zusagen zur Verdreifachung der jährlichen Anpassungsfinanzierung für Entwicklungsländer bis 2035. 

Simon Merschroth, Referent für Klima- und Entwicklungsfinanzierung in fragilen Kontexten bei IRC Deutschland, warnt: 

„Konflikte verschärfen Klimarisiken, während der Klimawandel bestehende Konflikte verstärken kann. Diese Wechselwirkung macht Klimaanpassung in fragilen Kontexten besonders dringend und gleichzeitig besonders schwierig umzusetzen. Klimafinanzierung erreicht die betroffene Bevölkerung oft nicht, unter anderem weil staatliche Strukturen versagen. Daher ist es umso wichtiger auf lokale Ansätze zu setzen: Mit Unterstützung von IRC implementieren und vermehren Kleinbäuer*innen in Syrien klimaresilientes Saatgut über zivilgesellschaftliche Netzwerke. Solange die internationale Klimafinanzierung fragile Kontexte nicht erreicht, werden die am stärksten betroffenen Bevölkerungen ausgeschlossen. Angesichts der sinkenden weltpolitischen Aufmerksamkeit für den Klimawandel sollte die Bundesregierung hier vorangehen und ihr Ziel von 6 Milliarden Euro weiter verfolgen.“ 

IRC fordert die Vertragsstaaten – insbesondere die deutsche Bundesregierung – auf, fragile und konfliktbetroffene Staaten bei den Bonner Verhandlungen explizit einzuschließen: 

  1. Das globale Anpassungsfinanzierungsziel sollte Anpassung und Minderung in ein ausgewogenes Verhältnis setzen, insbesondere in konfliktbetroffenen Ländern. 
  2. Klimavulnerable und gleichzeitig konfliktbetroffene Länder sollten mindestens 19 Prozent1 der gesamten Anpassungsfinanzierung für Entwicklungsländer erhalten, um deren tatsächlichen Bedarf zu decken. 
  3. Klimafinanzierung in fragilen Kontexten sollte als flexible, zuschussbasierte Anpassungsfinanzierung bereitgestellt werden. 
  4. Anpassungsmaßnahmen in Konfliktkontexten sollten evidenzbasiert, kosteneffizient und an lokalen Realitäten ausgerichtet sein. 
  5. Klimafinanzierung soll über flexible Partnerschaften mit lokalen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen umgesetzt werden – komplementär zu staatlichen und multilateralen Partner*innen. 
  6. Vorausschauende Finanzierung und vorab vereinbarte Finanzierungsmechanismen (Pre-Arranged Finance) zur Bewältigung klimatischer Ereignisse sollten systematisch auch in Konfliktkontexten eingesetzt werden, um Kosten zu minimieren und Wirkung zu maximieren. 

Deutschland trägt als einer der weltweit größten Klimafinanzierungsgebern eine besondere Verantwortung. Die Bundesregierung hat ihr €6-Milliarden-Ziel 2024 erfüllt. Deutsche Klimafinanzierung weist jedoch dieselben strukturellen Schwächen auf wie die internationale Geberpraxis insgesamt: nur 1 Prozent der globalen Klimafinanzierung fließt in die zehn fragilsten Länder der Welt (Stand: 2022) und Anpassung bleibt gegenüber Minderung unterfinanziert. Aktuelle Haushaltskürzungen lassen zudem Mittel unterhalb des €6-Milliarden-Ziels erwarten. Die Klimaverhandlungen in Bonn bieten Deutschland die Gelegenheit, seine Zusagen zu verteidigen und sich aktiv für eine Umsetzungsarchitektur einzusetzen, die fragile und konfliktbetroffene Staaten strukturell einschließt.

1 IRC hat den jährlichen Anpassungsfinanzierungsbedarf auf Grundlage der verfügbaren NDCs und NAPs von 13 klimavulnerablen, konfliktbetroffenen Ländern berechnet. Dieser beläuft sich auf 20,2 Milliarden US-Dollar jährlich für den Zeitraum 2021–2030. Zum Vergleich: Laut dem UNEP Adaptation Finance Gap Report haben 85 Entwicklungsländer insgesamt bezifferte Anpassungsbedarfe von 105 Milliarden US-Dollar jährlich für 2021–2030 gemeldet.