Während der Konflikt zwischen Israel und der Hamas andauert, tragen palästinensische Zivilist*innen die Hauptlast der Katastrophe.

Angriffe auf Krankenhäuser, eingeschränkter Zugang für humanitäre Hilfe und Blockaden von lebenswichtiger medizinischer Ausstattung haben die Kapazitäten der Gesundheitseinrichtungen in Gaza stark beeinträchtigt. Dadurch ist es besonders schwierig, die betroffenen Menschen zu versorgen.

Rund zwei Millionen Palästinenser*innen – die Hälfte davon Kinder – haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Die Menschen in Gaza erleben eine Gesundheitskrise und sind täglich mit Unsicherheiten und den Folgen der Katastrophe ausgesetzt.

Was passiert in Gaza?

Am 7. Oktober 2023 griff die Hamas den Süden Israels an und tötete über 1.200 Menschen. Die israelischen Streitkräfte reagierten darauf mit Luftangriffen und Bodenoffensiven in Gaza.

Seitdem hat der Konflikt zu schweren Zerstörungen, zahlreichen Toten und Vertreibungen in der gesamten Region Gaza geführt. 1,9 Millionen Palästinenser*innen, fast 85% der Bevölkerung, sind seither vertrieben worden – viele von ihnen sogar mehrfach. 134 Geiseln werden weiterhin in Gaza festgehalten.

Nur 12 der 36 Krankenhäuser in Gaza können zumindest teilweise noch Patient*innen versorgen. Das medizinische Personal hat nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Ausstattung, doch versucht weiterhin, Patient*innen zu behandeln.

Erfahre mehr über die Krise in Gaza.

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf das Gesundheitssystem in Gaza?

Das Gesundheitssystem in Gaza ist durch die Angriffe auf die Infrastruktur stark geschwächt. Es fehlt außerdem an grundlegender Ausstattung und medizinischem Personal. Inmitten der Krise arbeiten das verbleibende Personal unermüdlich in überlasteten Gesundheitseinrichtungen und bemüht sich um die Versorgung der Patient*innen.

Gesundheitssystem ist überlastet

Seit Oktober 2023 wurden mehr als 30.000 Palästinenser*innen getötet und weitere 70.000 verletzt. Hunderttausende benötigen aufgrund der Zerstörung und Vertreibung dringend psychologische Unterstützung. 

Aufgrund des Krieges fehlt es Palästinenser*innen an Lebensmitteln und sauberem Wasser. Laut IPC-Analyse (Integrated Food Security Phase Classification) zur Ernährungssicherheit sind 100% der Bevölkerung in Gaza von einer Hungersnot bedroht, was den Bedarf an medizinischer Versorgung weiter in die Höhe treibt.

Gaza ist derzeit der gefährlichste Ort für Zivilist*innen weltweit.

„Die Gesundheitseinrichtungen vor Ort sind nicht für diese Anzahl an Patient*innen ausgestattet. Kein Krankenhaus der Welt wäre in der Lage, die Versorgung von so vielen Menschen über einen solchen Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten“, sagt Dr. Seema Jilani, IRC-Senior Beraterin für medizinische Notfälle und Kinderärztin.

Sie arbeitete als Mitglied des Medizinischen Notfallteams von IRC im Al-Aqsa-Krankenhaus im Zentrum der Region Gaza. 

In der Klinik fehlt es massiv an Personal, sodass die Entbindungsstation geschlossen werden musste. Schwangere Frauen müssen nun im weiter entfernten Al-Awda-Krankenhaus behandelt werden, was zusätzliche Risiken für sie birgt.

Mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems steigt auch die Zahl der zivilen Opfer sowie Verletzungen und Vertreibungen weiter an. Der einzige Weg, die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, besteht darin, der Gewalt ein Ende zu setzen.

Dr. Jilani beugt sich vor und lächelt ein Baby an, das sie im Al-Aqsa-Krankenhaus in Gaza behandelt.
Dr. Seema Jilani, IRC-Senior Beraterin für medizinische Notfälle und Kinderärztin, behandelt ein Kind im Al-Aqsa-Krankenhaus. IRC hat in Zusammenarbeit mit Medical Aid for Palestinians (MAP) das erste Medizinische Notfallteam nach Gaza entsandt. Expert*innen des Teams behandeln im Krankenhaus zahlreiche Menschen aufgrund ihrer Verletzungen durch Angriffe des israelischen Militärs. Das Team berichtet von schwersten Verletzungen und Anzeichen schwerer Unterernährung bei den Patient*innen.
Foto: Sami Thabet/MAP

Mangel an medizinischen Versorgungsgütern

Die israelische Blockade der Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff und lebenswichtigen Medikamenten und Hilfsgütern hat verheerende Auswirkungen für palästinensische Zivilist*innen. Diese Umstände beeinträchtigen die Bereitstellung lebenswichtiger Güter und gefährden die humanitäre Hilfe.

Der anhaltende Konflikt hat zur Vertreibung von 1,9 Millionen Palästinenser*innen geführt, darunter auch medizinisches Personal. Die Bewegungseinschränkungen, Vertreibung und die persönlichen Schicksale der Menschen haben die Kapazitäten des palästinensischen Gesundheitspersonals enorm eingeschränkt. Sie können die medizinische Versorgung der überwältigenden Zahl von verletzten und kranken Menschen nicht länger sicherstellen.

Der humanitäre Zugang zu Nord- und Zentralgaza ist eingeschränkt. Grund dafür sind Verzögerungen an den israelischen Kontrollpunkten, verstärkte militärische Aktivitäten und die Bedrohung humanitärer Helfer*innen und Einrichtungen. Diese Umstände beeinträchtigen die Bereitstellung lebenswichtiger Güter und gefährden die humanitäre Hilfe.

Angriffe auf Krankenhäuser und humanitäre Helfer*innen

Seit Beginn der Gewalt im Oktober 2023 wurden in Gaza mehr als 600 gewalttätige Angriffe auf sowie Behinderungen des Zugangs zur Gesundheitsversorgung registriert.

Bei einem Angriff auf einen Krankenwagen nahe des Al-Aqsa-Krankenhauses, wurden am 18. Januar vier humanitäre Helfer*innen getötet. Kurz zuvor hatte ein medizinisches Notfallteam von IRC das Krankenhaus aufgrund der eskalierenden Gewalt in der Region evakuieren müssen. 

Insgesamt wurden mehr als 160 humanitäre Helfer*innen getötet – damit ist Gaza der gefährlichste Ort für Mitarbeitende von Hilfsorganisationen weltweit. Fast alle palästinensischen Helfer*innen wurden vertrieben.

Ein junges palästinensisches Mädchen steht auf einem Dach und blickt auf die Ruinen eines zerstörten Gebäudes hinunter.
Die Krankenhäuser in Gaza können das Ausmaß der Verletzungen kaum bewältigen und es fehlt ihnen an Ausstattung. Nur 12 der 36 Krankenhäuser in Gaza können zumindest teilweise noch Patient*innen versorgen.
Foto: Mohammed Zaanoun/Middle East Images/AFP via Getty Images

Verstöße gegen das Humanitäre Völkerrecht

Das Humanitäre Völkerrecht verbietet ausdrücklich Angriffe auf Krankenhäuser, Krankenwagen und deren Personal und schützt während bewaffneter Konflikte Menschen, die medizinische Hilfe benötigen. 

Angriffe auf medizinisches Personal und humanitäre Helfer*innen gefährden Menschenleben und verhindern die Bereitstellung lebenswichtiger Dienste für Menschen in Krisengebieten. Doch dies ist zurzeit die Realität der Zivilbevölkerung in Gaza. 

Internationale Organisationen – wie auch IRC – rufen zu einem sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand in Gaza auf, und fordern alle beteiligten Parteien zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts auf. Sie fordern außerdem die sofortige Lieferung humanitärer Hilfe, um die dringenden Bedarfe der vertriebenen und verletzten Menschen zu decken. Als Reaktion darauf haben mehrere Länder Unterstützung für Gaza zugesichert. Doch ist das bei weitem nicht ausreichend, um das Ausmaß der Krise zu bewältigen. 

Ein junges Mädchen, das eine gelbe Jacke trägt, geht mit ihrer Mutter durch die Ruinen eines vom Krieg zerstörten Viertels in Gaza.
Vertriebene Palästinenser*innen gehen während eines vorübergehenden Waffenstillstands durch ihr zerstörtes Viertel. Sie suchen in ihren Häusern nach brauchbaren Gegenständen.
Foto: Ashraf Amra/Anadolu via Getty Images

Welche Auswirkungen hat der Krieg auf die Kinder in Gaza?

Die Krise in Gaza hat verheerende Auswirkungen auf über eine Million Kinder. Die grundlegenden Vorräte werden immer weniger, Häuser liegen in Trümmern und Familien werden auseinandergerissen. Mehr als 12.000 Kinder wurden getötet und Tausende werden weiterhin vermisst.

Ungefähr 1.000Kinder in Gaza haben aufgrund der Bombardierungen ein oder beide Beine verloren. Oft müssen sie ohne Betäubung Amputationen durchleiden und werden ihr Leben lang medizinische Hilfe benötigen.

Viele verletzte Kinder kommen verängstigt und allein in den medizinischen Einrichtungen an, ohne die Sicherheit, die die Nähe ihrer Familie bieten würde. Die hohe Zahl verletzter Kinder ohne überlebende Familienmitglieder hat dazu geführt, dass ein neues Akronym entstanden ist: „WCNSF“ steht für „Wounded Child No Surviving Family“ (deutsch: Verletztes Kind, keine überlebenden Angehörigen). 

95% der Bevölkerung in Gaza haben keinen Zugang zu sauberem Wasser; die Wasser- und Abwassersysteme sowie die Gesundheitseinrichtungen wurden durch die Luftangriffe beschädigt. Für kleine Kinder ist die Infektionsgefahr für durch Wasser übertragene Krankheiten wie Cholera und Typhus sowie chronische Durchfallerkrankungen dadurch besonders hoch.

Neben den körperlichen Verletzungen hat der Konflikt auch tragische Folgen für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der überlebenden Kinder.

Porträt eines Mädchens, das ein Kopftuch trägt. Sie starrt ernst in die Kamera.
70 Prozent der mehr als 30.000 Palästinenser*innen, die seit Oktober 2023 getötet wurden, sind Frauen und Kinder.
Foto: Mohammed Abed/AFP via Getty Images

Wie unterstützt IRC Palästinenser*innen?

IRC beobachtet und bewertet die Situation in dem besetzten palästinensischen Gebiet stetig. In Zusammenarbeit mit Medical Aid for Palestinians (MAP) entsendet IRC Medizinische Notfallteams (Emergency Medical Teams) in den Gazastreifen.

Darüber hinaus hat IRC 47 Tonnen Arzneimittel und medizinische Versorgungsgüter beschafft und arbeitet an der Verteilung dieser Hilfsgüter an Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen in Gaza.

IRC unterstützt außerdem Partnerorganisationen bei der Lieferung von Lebensmitteln, medizinischer Ausstattung und Medikamenten, sowie der Bereitstellung wichtiger Dienstleistungen in Notunterkünften. Dazu zählt die Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung und Bargeldhilfe, damit die Menschen ihre Grundbedürfnisse decken können.

IRC stützt sich bei der Arbeit im besetzten palästinensischen Gebiet auf die weltweite Erfahrung und Expertise in der Nothilfe sowie auf unsere langjährige Präsenz in der Region. Im Jahr 2022 unterstützen IRC-Teams in Syrien, Libanon, Jordanien, Irak, Jemen und Libyen 6,3 Millionen Menschen.

Ein Lastwagen mit medizinischen Hilfsgütern, gekennzeichnet mit dem MAP-Logo, auf dem Weg zur Verteilung in Gaza.
Medizinische Hilfsgüter von IRC kommen in Gaza an. IRC hat 47 Tonnen Arzneimittel und andere medizinische Hilfsgüter beschafft. Diese Güter werden an Krankenhäuser und Kliniken verteilt, um lebenswichtige Gesundheits- und medizinische Dienste zu unterstützen.
Foto: IRC

Wie kann ich Palästinenser*innen helfen?

IRC arbeitet mit Partner*innen zusammen, um wichtige Nothilfe für Familien in Gaza und in anderen Konfliktgebieten weltweit zu leisten. Spende jetzt, um unsere wichtige Arbeit zu unterstützen. Wir bieten lebenswichtige Hilfe für Menschen in über 50 Ländern, die von Krisen betroffen sind, darunter auch Länder der Emergency Watchlist 2024

Erfahre mehr über die 10 größten Krisen, die die Welt im Jahr 2024 nicht ignorieren kann. Lade dir dazu die vollständige Emergency Watchlist 2024 mit den Profilen aller 20 Krisenländer herunter.