Von Kabul nach Berlin: Mein Weg nach Deutschland
Eine afghanische Frauenrechtsaktivistin erzählt
Eine afghanische Frauenrechtsaktivistin erzählt
Im April 2025 kommt Bahar* gemeinsam mit ihrem Mann Arif* und Tochter Mina* nach ihrer Flucht aus Afghanistan über Pakistan in Deutschland an. Sie ist eine von rund 2.300 Afghan*innen mit Aufnahmezusage über das Bundesaufnahmeprogramm (BAP). Viele von ihnen warten bis heute trotz bereits erteilter Aufnahmezusage auf ihre Einreise nach Deutschland. Sie sind aufgrund ihrer Arbeit etwa im Menschenrechtsaktivismus, in der Politik oder im Journalismus, besonders gefährdet, wenn sie nicht in Sicherheit nach Deutschland gelangen..
Auch Bahar engagierte sich in Afghanistan für Frauenrechte. Ihre Familie gehörte zu den letzten, die einreisen durften, bevor die Bundesregierung im Mai 2025 alle freiwilligen Aufnahmeprogramme, inklusive des BAPs, beendet und entsprechende Finanzierungen kürzte.
Aktuell warten über 900 Menschen mit positiver Aufnahmezusage Deutschlands auf ihre Einreisegenehmigung. Viele von ihnen befinden sich in größter Gefahr. Für diese Menschen hat Bahar sich entschlossen, ihre Geschichte zu teilen – um sichtbar zu machen, welche Schicksale hinter den Zahlen stehen.
Mein Name ist Bahar. Ich komme aus Afghanistan und bin im Rahmen des Bundesaufnahmeprogramms mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Heute lebe ich in Berlin mit meinem Mann, meiner dreijährigen Tochter und meiner Mutter.
In Afghanistan führten wir ein sehr erfülltes Leben. Ich arbeitete als Modedesignerin und war bei einem Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), das sich für die Alphabetisierung von Frauen einsetzte. Später engagierte ich mich beim Afghan Women’s Empowerment Project, einer Organisation zur Stärkung von Frauen und Mädchen.
Wir lebten gemeinsam mit meinen Schwiegereltern unter einem Dach. Es war ein sehr liebevolles Zusammenleben. Jeden Abend, wenn wir von der Arbeit nach Hause kamen, aßen wir zusammen. An den Wochenenden besuchten wir meine Mutter, gingen auf Feste oder unternahmen Ausflüge. Kabul war damals ein friedlicher Ort. Afghanische Frauen hatten so viel zu tun. Ich war eine dieser Frauen.
Gemeinsam mit meiner Schwester arbeitete ich bei Afghan Women’s Empowerment. Unser Ziel war es, Frauen über ihre Rechte aufzuklären. Wir reisten in ländliche Regionenund sprachen mit Frauen über Gesundheitsthemen und klärten sie über ihre Rechte auf – Rechte, von denen sie oft gar nicht wussten, dass sie sie hatten.
Meine Motivation für diese Arbeit kommt aus meiner Familie. Wir waren eine sehr aufgeschlossene Familie, die fest an Freiheit glaubte. Besonders mein Vater und meine Brüder hatten immer höchsten Respekt vor Frauen. Heute weiß ich: Für unseren Einsatz haben wir einen hohen Preis bezahlt.
Als die Taliban an die Macht kamen, brach Panik aus. Die Straßen waren blockiert, niemand konnte persönliche Dinge aus Büros mitnehmen. Alle versuchten nur noch, nach Hause zu gelangen.
Auch wir waren betroffen. Ich war im dritten Monat schwanger. Es gab kaum funktionierende Gesundheitsversorgung. Wir wollten nur noch Sicherheit. Dreimal versuchten wir, den Flughafen zu erreichen – ohne Erfolg.
Eine Organisation, mit der wir zusammengearbeitet hatten, half uns schließlich, nach Mazar-e Sharif zu gelangen. Dort verlor ich mein Baby.
Wir lebten etwa neun Monate im Untergrund. In dieser Zeit wurde ich erneut schwanger und brachte meine Tochter Mina zur Welt. Da sie zu früh geboren wurde und wir keine medizinische Versorgung hatten, kehrten wir nach Kabul zurück.
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir uns bereits für das deutsche Bundesaufnahmeprogramm beworben und alle erforderlichenUnterlagen eingereicht. Über International Rescue Committee (IRC) erhielten wir Unterstützung im Verfahren.
IRC stellte uns einen Anwalt zur Seite. Eines Tages erhielten wir eine E-Mail mit dem Aufnahmebeschluss: ‚Sie werden aufgenommen. Sie können kommen.‘ In diesem Moment fing ich an zu weinen. Endlich gab es Hoffnung.
Diese Zusage bedeutete für uns die Chance auf ein Leben in Würde – vor allem für meine Tochter. Die Hoffnung, dass meine Tochter ein sicheres und friedliches Leben haben würde, war mein größter Antrieb in dieser Zeit.
IRC hat uns während des gesamten Prozesses begleitet. Ich stand ständig mit Khesraw, einem IRC-Mitarbeiter in Deutschland, in Kontakt und hielt ihn über unsere Situation auf dem Laufenden. Als wir schließlich nach Pakistan gelangten und dort auf das Visum für den Flug nach Deutschland warteten, hatten wir kein Geld mehr. IRC hat uns dabei geholfen, finanzielle Unterstützung und ein Visum für Pakistan zu bekommen und dort weiter auf unsere Einreisegenehmigung zu warten. Dort traf ich viele Familien in der gleichen Situation. Ich riet ihnen, sich auch an IRC zu wenden.
Als wir im Dezember 2024 endlich in Deutschland ankamen, brach ich zusammen: Ich war zum dritten Mal schwanger, doch aufgrund der anstrengenden Reise und all der Ereignisse erlitt ich erneut eine Fehlgeburt. In Deutschland war alles anders als das, was ich kannte. Wir wurden in einer Unterkunft in Friedland untergebracht. Alles war neu: die Zimmer, das Essen, das Wasser.
Aber es war schön. Ein neues Kapitel hatte begonnen.
Nach neun Monaten fanden wir eine feste Wohnung am Stadtrand von Berlin. Mein Leben hier ist sehr hektisch. Ich wache auf, mache meine Tochter für die Kita fertig, gehe zum Deutschunterricht, hole meine Tochter ab, spiele mit ihr und kümmere mich um administrative Dinge wie Termine beim Jobcenter. Oft habe ich nicht einmal einen einzigen Moment Zeit zum Ausruhen.
Aber alles ist besser als es in Afghanistan war. Wir haben bereits viele Freund*innen gefunden – Menschen aus der Ukraine, aus arabischen Ländern, aus der Türkei und aus Afghanistan, die wir im Deutschkurs kennengelernt haben.
Jetzt, da wir endlich angekommen sind, möchte ich meinen Einsatz für Frauenrechte fortsetzen und wieder im Bereich Mode arbeiten.
Für meine Tochter habe ich noch größere Träume:Sie soll Ärztin werden und eine gute Bildung erlangen. Vor allem aber möchte ich, dass sie selbstständig ist, ihr eigenes Geld verdient, unabhängig ist und zeigt, welchen Beitrag Menschen mit Migrationserfahrung zur Gesellschaft leisten können.
Ich danke der deutschen Regierung dafür, dass sie meine Familie gerettet hat – zumindest einen Teil. Drei meiner Geschwister und meine Schwiegereltern leben noch in Afghanistan.
Wir denken immer an diejenigen, die wir zurücklassen mussten. Wir finden keine Ruhe, bis sie in Sicherheit sind.
Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung gemeinsam mit Organisationen wie IRC denjenigen helfen kann, die sich noch in unmittelbarer Gefahr befinden. Lasst sie nicht im Stich.
Ich bin mir sicher, dass sie einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft hier leisten werden. Afghanische Frauen sind die Heldinnen Afghanistans. Wenn sie studieren, arbeiten und vorankommen könnten, könnten sie die Welt erobern. Trotz des Schmerzes, des Leidens und der Entbehrungen, die sie ertragen – sie geben niemals auf.
* *Alle Namen wurden zum Schutz der Personen geändert.
Im Projekt „Sicher Ankommen - Humanitäre Aufnahme zukunftsfähig ausbauen“ setzt sich IRC für die humanitäre Aufnahme von schutzsuchenden Afghan*innen mit deutscher Aufnahmezusage ein. Das Projekt wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Die Kombination aus individueller Fallbetreuung und politischer Interessenvertretung ermöglicht es, strukturelle Hindernisse direkt aus Perspektive der Betroffenen zu identifizieren und in konkretepolitische Empfehlungen zu übersetzen.
2025 veröffentlichte IRC zwei Fachberichte, die praxisnahe Einblicke und Reformvorschläge bereitstellen:
Durch den kontinuierlichen Austausch mit Bundestagsabgeordneten, Ministerien und kommunalen Akteuren sowie durch den Aufbau von Dialog- und Lernformaten konnte IRC fundierte Handlungsbedarfe aufzeigen und Impulse für zukünftige Verbesserungen in der humanitären Aufnahme setzen.
Das Projekt stärkt damit sowohl individuelle Schutzsuchenden als auch eine langfristig menschenzentrierte Ausgestaltung politischer Rahmenbedingungen für humanitäre Aufnahmewege.