Das solltest du über IRC Deutschland wissen
Ein Jahrzehnt humanitärer Arbeit in Deutschland. Zehn Dinge, die diese Geschichte erzählen – und warum sie noch lange nicht zu Ende ist.
Ein Jahrzehnt humanitärer Arbeit in Deutschland. Zehn Dinge, die diese Geschichte erzählen – und warum sie noch lange nicht zu Ende ist.
1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, handelte Albert Einstein gemeinsam mit anderen Intellektuellen: Sie initiierten die Gründung einer Organisation, um Verfolgten die Flucht aus Nazi-Deutschland zu ermöglichen – der Ursprung des heutigen International Rescue Committee (IRC).
„Wir müssen unser Bestes tun. Das ist unsere menschliche Verantwortung.“
— Albert Einstein
Während des Zweiten Weltkriegs setzten humanitäre Helfer*innen wie der Journalist Varian Fry diese Arbeit unter extremen Bedingungen fort und unterstützten Tausende Menschen bei der Flucht aus dem von den Nationalsozialisten kontrollierten Europa.
83 Jahre später, am 20. Juli 2016, kehrte IRC nach Deutschland zurück – nicht mehr, um Menschen bei der Flucht aus Deutschland zu helfen, sondern um Menschen beim Ankommen zu unterstützen.
Übrigens: Die Netflix-Serie Transatlantic erzählt diese Geschichte – die Rettungsmissionen rund um Varian Fry und die Organisationen, aus denen IRC hervorging.
Hinter jedem Programm, das hier in Deutschland entwickelt wird, stehen über 90 Jahre Erfahrung in humanitären Krisen auf der ganzen Welt – von Nachkriegseuropa über den Vietnamkrieg bis zu den Fluchtbewegungen der Gegenwart.
Diese Erfahrung war entscheidend, als die Auswirkungen der globalen Fluchtbewegungen ab 2015 auch Europa erreichten. Millionen Menschen – viele von ihnen aus Syrien – machten sich auf den Weg über das Mittelmeer und die Balkanroute. IRC war entlang dieser Routen im Einsatz, unter anderem in Griechenland, Italien und Serbien, und unterstützte Menschen auf der Flucht mit medizinischer Versorgung, Schutzprogrammen und Informationen. Gleichzeitig wurde klar: Die Unterstützung endet nicht an den Grenzen – sie setzt sich dort fort, wo Menschen neu ankommen.
2016 wurde IRC Deutschland gegründet, um genau hier anzusetzen: bei der langfristigen Integration von geflüchteten Menschen – gemeinsam mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Diese Geschichte macht IRC zu mehr als einer Hilfsorganisation. Es ist eine lernende Institution: eine, die Krisen nicht nur reaktiv bewältigt, sondern systematisch aus ihnen lernt, Erkenntnisse dokumentiert und Methoden weiterentwickelt. Wenn IRC Deutschland ein Programm zur psychosozialen Unterstützung entwickelt, fließen Erkenntnisse aus Libanon, aus Somalia und aus der Sahelzone mit ein. Wenn hier etwas funktioniert, wird es weltweit geteilt und skaliert.
IRC Deutschland arbeitet bundesweit gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen, die ihre Regionen und Gemeinden genau kennen. Von Bildungsprojekten bis zur Arbeitsmarktintegration: Viele Programme entstehen dort, wo Menschen Unterstützung brauchen — vor Ort.
Ein Beispiel dafür ist Healing Classrooms. Der Ansatz unterstützt Lehrkräfte dabei, Kindern in Krisensituationen Stabilität und Lernfähigkeit zurückzugeben. Er basiert auf über 30 Jahren Erfahrung in der Bildungsarbeit weltweit – und ist heute auch in Deutschland im Einsatz. Kinder, die Flucht, Stress oder Unsicherheit erlebt haben, brauchen vor allem Sicherheit und verlässliche Beziehungen, um lernen zu können.
Healing Classrooms setzt genau dort an – bei den Lehrkräften, die diesen Unterschied täglich machen. Studien zeigen: Kinder, die an Healing-Classrooms-Programmen teilnehmen, verbessern ihre Lernleistungen, erleben weniger Konflikte im Schulalltag und können besser mit ihren Emotionen umgehen. Jedes Jahr erreicht IRC damit Hunderttausende Kinder weltweit.
„Vor sieben Jahren bin ich auf Healing Classrooms gestoßen und seitdem hat sich meine Arbeit positiv verändert. Wäre das Programm in jedem Klassenzimmer eingesetzt, wären die seelischen Verletzungen definitiv geringer."
— Rolf Schirrmacher, Lehrer an der Justus-von-Liebig-Grundschule
Diese Partnerschaften sind der Grundstein dafür, dass Hilfe genau dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Denn niemand kennt die Bedarfe eines Landkreises in Sachsen oder Bayern so genau wie die Menschen und Organisationen, die dort selbst verwurzelt sind. Durch diese enge Zusammenarbeit vor Ort erreicht IRC Deutschland Menschen dort, wo sie stehen – mit Lösungen, die zu ihrer jeweiligen Situation passen.
Humanitäre Hilfe und langfristige Veränderung schließen sich nicht aus – im Gegenteil: Sie bedingen einander. Das ist der Gedanke hinter der Policy- und Advocacy-Arbeit von IRC Deutschland.
Im Projekt Sicher Ankommen führt IRC direkte Gespräche mit Entscheidungsträger*innen auf Bundesebene. IRC hat Einfluss auf Wahlprogramme genommen und war in Koalitionsverhandlungen präsent – mit dem Ziel, humanitäre Aufnahmeprogramme in Deutschland strukturell zu verbessern – als Organisation, die aus der Praxis weiß, was funktioniert – und was nicht.
Dasselbe gilt international: Ob Sudan, Gaza oder anderswo – IRC bringt Erfahrung in Krisenkontexten weltweit in politische Räume, wo Entscheidungen über humanitäre Hilfe fallen.
Hinter jeder Zahl steht eine Geschichte. Und gleichzeitig zeigen sie, was in den letzten zehn Jahren entstanden ist.
Über 20 Millionen Menschen erreicht IRC jedes Jahr weltweit – in über 40 Ländern, mit 34 Partnerorganisationen allein in Deutschland. Zuletzt haben sich mehr als 5.100 Menschen neu für IRC-Programme in Deutschland angemeldet.
Was diese Zahlen nicht zeigen: Hinter jedem Kontakt steht ein Mensch, der Unterstützung oder Orientierung gesucht hat – in einem fremden Rechtssystem, einer neuen Sprache, einem Land, das er oder sie noch nicht kannte.
Jedes Jahr veröffentlicht IRC die Emergency Watchlist – eine Analyse der Länder, in denen sich humanitäre Krisen im kommenden Jahr voraussichtlich am stärksten verschärfen werden. Die Watchlist verbindet systematische Datenanalyse mit der Erfahrung von IRC-Teams, die direkt in den betroffenen Kontexten arbeiten. In den letzten Jahren hat sie mit einer Genauigkeit von 85 bis 95 Prozent vorhergesagt, wo sich Krisen zuspitzen werden – und ermöglicht so, Hilfe frühzeitig zu planen und Ressourcen gezielt einzusetzen.
Dass dieser Ansatz wirkt, zeigt sich jedes Jahr aufs Neue: Länder wie Sudan, Gaza oder Südsudan, die heute im Zentrum humanitärer Krisen stehen, wurden frühzeitig als besonders gefährdet identifiziert.
IRC arbeitet weltweit in Krisenkontexten. Was diese Arbeit auszeichnet, ist die Verbindung von direkter Unterstützung und systematischer Weiterentwicklung. Programme werden nicht nur umgesetzt, sondern kontinuierlich verbessert, um mehr Menschen zu erreichen – mit den gleichen oder sogar geringeren Ressourcen. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von IRC im Bereich Mangelernährung.
Weltweit sind Millionen Kinder von akuter Mangelernährung betroffen – obwohl wirksame Behandlungen existieren. Trotzdem erreicht sie bislang nur einen Teil der Betroffenen, und viele Kinder erleiden nach der Behandlung Rückfälle.
IRC entwickelt vereinfachte, praxisnahe Behandlungsansätze, die direkt in Gemeinden umgesetzt werden können. Gesundheitshelfer*innen arbeiten mit einfachen Diagnosemethoden und gebrauchsfertiger therapeutischer Nahrung – das senkt Kosten, erleichtert den Zugang und macht Programme skalierbar. Studien zeigen, dass dieser Ansatz die Behandlungskosten pro Kind um rund 20 Prozent reduzieren kann – bei gleichbleibenden Erfolgsraten.
IRC arbeitet auch daran, die häufig parallelen Behandlungsstrukturen für unterschiedliche Formen von Mangelernährung zu überwinden – und Hilfe stärker an den Bedarfen der betroffenen Menschen auszurichten. Das Ziel: ein einfaches, wirksames System, das mehr Kinder erreicht und von anderen Akteur*innen im humanitären Sektor übernommen werden kann.
Humanitäre Arbeit kann sich keine Stagnation leisten. Krisen verändern sich, Menschen verändern sich, Kontexte verändern sich. Für IRC bedeutet Innovation deshalb vor allem eines: nicht nur auf Krisen zu reagieren, sondern sie vorherzusehen – und zu handeln, bevor sie eskalieren.
Ein Beispiel dafür ist der Ansatz Follow the Forecasts: IRC setzt auf vorausschauende Maßnahmen – die gezielte Vorbereitung auf Krisen, bevor sie eintreten. Diese Modelle nutzen Frühwarnsysteme, um Ressourcen rechtzeitig einzusetzen und Gemeinden zu stärken, bevor eine Krise eskaliert. Dafür verbindet Follow the Forecasts saisonale Wetterprognosen mit Daten zu Krankheitsverläufen, dem Gesundheitszustand der Bevölkerung sowie zu Wasserversorgung und bewaffneten Konflikten – um vorherzusagen, wo klimabedingte Infektionskrankheiten wie Cholera, Dengue oder Malaria als nächstes ausbrechen könnten. Gemeinden erhalten dann gezielte Unterstützung: Hygienekits, Maßnahmen zur Vektorkontrolle, Bargeldhilfe und Informationen über die Signpost-Plattform – bevor das Schlimmste eintritt.
2024 hat IRC damit:
Was in Guatemala begann, wird heute in Somalia, Afghanistan, Kolumbien und Tschad eingesetzt – ein Beispiel dafür, wie aus einer lokalen Idee ein Ansatz wird, der Menschen in ganz unterschiedlichen Krisenkontexten schützt, bevor die nächste Krankheitswelle sie erreicht.
Der humanitäre Sektor steht zunehmend unter Druck: Krisen nehmen zu, während Mittel gekürzt werden oder hinter dem gestiegenen Bedarf zurückbleiben. Das hat direkte Auswirkungen auf die Programmarbeit – weltweit und in Deutschland. Projekte müssen angepasst, Prioritäten neu gesetzt und Entscheidungen schneller getroffen werden.
Für Hilfsorganisationen wie IRC bedeutet das vor allem eines: mit den vorhandenen Ressourcen mehr erreichen zu müssen. Deshalb arbeitet IRC gezielt daran, die eigene Programmarbeit effizienter zu gestalten und neue Ansätze zu entwickeln, die die Wirkung skalieren.
Das Ziel ist klar: dass jeder eingesetzte Euro so viele Menschen wie möglich erreicht – und so wirksam wie möglich eingesetzt wird.
IRC Deutschland wird weiter daran arbeiten, bewährte Lösungen in nachhaltige Veränderungen zu übersetzen: Partnerschaften stärken, Chancen erweitern, Menschen auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben begleiten.
„Wir sind überzeugt: Starke Partnerschaften und echte Beteiligung sind die Grundlage dafür, dass Hilfe wirkungsvoll und effektiv dort ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.“
– Corina Pfitzner und Lena Görgen, Geschäftsführerin und Landesvertreterin bei IRC Deutschland
Das Ziel ist konkret: ein humanitäres System, das Erfolg nicht daran misst, wie viele Krisen bewältigt wurden – sondern daran, wie viele Menschen echte Kontrolle über ihre Zukunft zurückgewonnen haben.
Das ist das Ziel. Und es beginnt jetzt.